Weekly

Mein Internet ist nicht kaputt

Von Hitzestau - 20.01.2014

Teil einer Serie

Inhaltsverzeichnis

Autor: Archangel

Als Sascha Lobo vor rund 10 Tagen das Internet für "kaputt" erklärte, löste er damit eine Welle von Kommentaren und medialen Reaktionen aus, die sich auch mit Google kaum alle erfassen und lesen lassen. Soviel schon mal zum Thema totale Überwachung – aber sehr wahrscheinlich hat die NSA einfach die besseren Such-Algorithmen und stärkeren Serverkapazitäten als die Suchmaschine aus Mountain View.

Aber mal im Ernst: Ich kenne Sascha Lobo nicht persönlich, aber ich denke, dass er kaum so naiv ist, wie mancherorts geschrieben wurde oder er es in seinem Artikel selber eingesteht. Vielmehr hält er uns clever einen Spiegel vor – und beobachtet interessiert den Medienhype, den er ausgelöst hat. Medial wird im deutschen Sprachraum das Internet wieder einmal mehr "böse geschrieben" und es werden von allerlei (selbsternannten) Experten Tipps und Trick verbreitet, wie man sich nun zu verhalten hätte.

Quelle: stock.xchng

Das Internet ist per se weder "gut" noch "böse" – es ist weder Frodo noch der eine Ring, sie alle zu knechten. Es ist eine weltweite Vernetzung von Geräten zum Austausch von Informationen aller Art. Wie mit anderen Werkzeugen auch kann man damit verschiedene Sachen tun – es kommt also immer auf den Anwender an. Ein Messer kann genauso zum Schneiden des Sonntagsbraten dienen wie zum Verletzen und Töten.

Logisch tummeln sich auf so einem globalen System auch Leute, die möglichst viel über Andere in Erfahrung bringen wollen – das reicht von der bevorzugten Gummibärchenfarbe bis hin zu eventuellen Reiseplänen in so genannte Schurkenstaaten. Was die Terrorabwehr Überwachung nennt, heisst in den PR-Abteilungen Social Media Monitoring zur Erfassung der Meinung der Konsumenten.

Politik, Industrie, Handel, Medien – und eben auch die Hüter der Freiheit – profitieren nicht nur vom globalen Informationssystem, sondern auch von der Vernetzung der Geräte und Systeme untereinander. Wenn eine Überwachungskamera mich an der Tankstelle filmt und ich im Supermarkt gegenüber mit der Kundenkarte ein Brot kaufe, hinterlässt das digitale Spuren, die jemand auswerten will. Mit dem Smartphone in der Hosentasche teile ich sogar mit, wo ich gerade bin und wie schnell ich mich fortbewege – das ist für Stauprognosen interessant, wenn es um das Leiten von Verkehrsströmen geht. Überwachung und Auswertung gibt es nicht erst seit Edward Snowden aus dem Nähkästchen der NSA geplaudert hat und wer sich als Politiker darüber öffentlich enerviert, sollte erstmal im eigenen Vorgarten aufräumen: Was in Deutschland Vorratsdatenspeicherung heisst, steht in vielen europäischen Staaten auf der Agenda. Und scheint auch dort zu bleiben, aller Appelle an die USA zum Trotz.

Man muss gar nicht auf Facebook sein oder einen Clouddienst nutzen – das Beispiel von oben zeigt, wie unser Alltag heute aussieht. Wir hinterlassen eine ständige Spur von Daten, auch bei vermeintlich harmlosen Tätigkeiten wie dem Einkaufen im Supermarkt. Kameras sind dabei omnipräsent, und damit meine ich nicht nur Überwachungskameras an gewissen Orten. Irgendwo fotografiert oder filmt immer jemand mit seinem Smartphone und auch die Outdoor-Kameras wie die GoPro werden immer beliebter und nehmen Leute auf, ohne dass sie es merken oder erwarten. Aber deswegen eine Paranoia heraufzubeschwören bedeutet eigentlich die Augen vor der Realität zu verschliessen. Ein analoges Einsiedlerleben ist zumindest in unseren Breitengraden nicht mehr möglich.

Quelle: stock.xchng

Kommen wir noch zu meinen besondere Freunden: Das sind diejenigen, die mir raten anstatt einem PC von Dell und Microsoft Windows auf Open Source Software zu setzen und möglichst keine Hardware von amerikanischen Herstellern zu kaufen. Das letztere dürfte sowieso eher schwierig sein und auch Open Source Software ist keine Garantie dafür, dass nicht die NSA oder sonst jemand meine Metadaten am nächsten Mobilfunkmast abgreift.

Um es auf den Punkt zu bringen: Nein, ich habe mein Verhalten nicht geändert. Ich verschlüssle meine E-Mails nicht, mein PC läuft immer noch mit Windows und meine Software zur Berarbeitung von Fotos habe ich als Cloud-Service von Adobe abonniert. Ist es Kapitulation oder Gleichgültigkeit, wenn ich sage, dass man sich der ganzen Überwachung und Auswertung nicht entziehen kann und deswegen so weitermache wie bisher? Nein, es ist eine realistische Einstellung, die mir erlaubt, mein Leben weiter zu leben. Möglichkeiten zur Überwachung stecken in jeder neuen Technologie, das alleine ist aber noch kein Grund, sie abzulehnen oder zu verteufeln. Mein Internet ist nicht kaputt.