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Hört auf mit diesen Sucht-Studien!

Von Hitzestau - 17.07.2015

Teil einer Serie

Inhaltsverzeichnis

Autor: Archangel

Horror-Meldungen über Internet- oder Onlinesucht liest man immer wieder – auch online logischerweise. Hier nur eine kleine Auswahl, die ich schnell zusammen gegoogelt habe:

Dass es sich bei Internet- oder Onlinesucht keinesfalls um anerkannte oder wissenschaftlich definierte Begriffe handelt, scheint niemanden zu stören. Was mir immer wieder sauer aufstösst ist, dass bei zahlreichen Studien und den Berichten, oft die reine Nutzungsdauer des Internet als Kriterium für "Sucht" herangezogen wird. So genannte "Experten" sind dann schnell gefunden, welche die "Fakten" interpretieren und ihre Schlüsse ziehen. Diese sind oft tendenziös und weltfremd, weil sie das Internet immer als etwas darstellen, was getrennt vom normalen Alltag und der Lebensrealität der Menschen stattfindet. Das Internet ist jedoch für Beruf und Privates im Alltag angekommen wie man so schön sagt. Es ist keineswegs das "Neuland", welches in irgendeiner abstrakten Form ausserhalb des Alltags stattfindet.

Schauen wir stellvertretend für viele andere Publikationen eine Studie vom Forschungsunternehmen Flurry Insights an, die kürzlich unter anderem auf 20min.ch herumgereicht wurde. Dabei geht es um "Handy-Sucht", genauer gesagt wird die Anzahl App-Aufrufe pro Tag gezählt. Als "normale User" oder "Super User" gelten bei Flurry Interactive alle, die weniger als 60 Mal pro Tag eine App starten. Wer dies öfter als 60 Mal pro Tag tut, gilt hier als "Mobile Addict" also als Süchtiger. Der Begriff wird im Bericht wie selbstverständlich verwendet. Natürlich gibt es noch eine passende Grafik dazu:

Bei der Gruppe der "Mobile Addicts" macht Flurry Insights zudem den grössten Zuwachs von 2014 zu 2015 aus.

Als grössten Treiber für das "Suchtverhalten" sieht Flurry Insights verschiedene Messaging- und Social Media Apps.

Soweit mal kurz zusammengefasst die Analyse von Flurry Insights. Die Studie und auch der Bericht auf 20min.ch "stinken" aus meiner Sicht ganz gewaltig. Erstens ist nicht klar wie die Smartphones, die ausgewertet wurden, überhaupt ausgewählt wurden. Dann ist die Festlegung der Grenze von 60 App-Aufrufen pro Tag willkürlich und sie kann je nach Nutzungsverhalten auch sehr stark variieren. Öffnet man zum Beispiel den Browser und surft den ganzen Tag, gilt das dann trotzdem nur als ein Aufruf?

Aber auch die Analyse ist sehr widersprüchlich. Flurry Insights schreibt selber, dass das grösste Wachstum von so genannten "Productivity Apps" komme, die insbesondere von Studenten rege genutzt würden. Gehört die Arbeit für das Studium jetzt neu auch zu einem "Suchtverhalten"? Und wie sieht es mit Aussendienstmitarbeitern, Managern oder Bloggern aus? Sind die auch alle süchtig? Generell lässt die Analyse den Kontext, in welchem die App-Aufrufe stattfinden, komplett ausser Acht. In unserer Zeit, wo immer mehr Aktivitäten und Tätigkeiten in den Online-Bereich verlagert werden oder mit einer Cloud-Anbindung versehen sind, ist es doch nicht per se schlecht, wenn man zeitgemässe Technologien nutzt im Alltag – dies gilt für berufliches wie privates, wobei hier ja die Grenzen eh immer mehr verschwimmen.

Und von einem "globalen Trend" zu sprechen, ist eh übertrieben. Weltweit sind 2.5 Milliarden Menschen online – da scheinen die 280 Millionen, welche angeblich "zu viele" Apps aufrufen, nicht gerade viel. Oder umgekehrt gesagt, ein Grossteil der Menschheit ist überhaupt nicht online und hat andere Sorgen, als die Anzahl aufgerufener Apps zu zählen.

Quelle: baz.ch

Aber am meisten stört mich der unbekümmerte Umgang mit der Bezeichnung "süchtig". Es ist ein leichtfertiger Umgang mit dem Wort und verharmlost die Probleme von Leuten, die zum Beispiel drogenabhängig sind und reale Probleme haben und nicht nur "zu viel" Apps pro Tag aufrufen. Zudem sind solche "Studien" und deren Interpretation auch Futter für Technologie-Hasser, Eltern die mit den modernen Kommunikationsmedien ihrer Kinder überfordert sind und wahlkampfbesessene Politiker, die meinen hier wieder etwas verteufeln und regulieren zu müssen.

Das einzige was man in diesem Zusammenhang regulieren müsste, wären solche Studien und deren unreflektierte Wiedergabe durch Journalisten.