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Einkaufstourismus war gestern

Von Hitzestau - 02.06.2017

Teil einer Serie

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Autor: Archangel

Ja, ich bekenne mich dazu. Ich kaufe regelmässig im nahen Deutschland ein. Als Basler sind das für mich nur wenige Kilometer Luftlinie bis ins nächste deutsche Shoppingcenter. Was während Jahrzehnten ein ganz normaler geschäftlicher Vorgang in den Grenzregionen war, ist seit einiger Zeit als "Einkaufstourismus" verschrien. Schweizer Medien und die Detailhändler hetzen ohne Hemmungen regelmässig gegen alle, die im Ausland einkaufen gehen. Es gefährde Schweizer Arbeitsplätze und sei schlussendlich "unpatriotisch".

Screenshot. Quelle: blick.ch
Screenshot. Quelle: blick.ch

Dabei geht verschiedenes vergessen: Erstens kaufe ich in Deutschland zum Teil Lebensmittel ein, die es bei uns nicht gibt. Ich vermute mal, dass hier Importbestimmungen und Schutzzölle ihre Wirkung entfalten. Zweitens spielt natürlich für mich als Konsument auch der Preis eine Rolle. Als Privatperson nehme ich mir dasselbe Recht heraus, wie Wirtschaft und Staat es selber auch tagtäglich praktizieren: Benötigte Waren und Dienstleistungen dort beschaffen, wo sie am günstigsten sind. Freien Warenhandel nennt sich das übrigens – für diejenigen Leser, die hier schon gesetzeswidriges Verhalten wittern. Leider habe ich keine Beweisfotos gemacht, als meine lokale Migros-Filiale letzten Herbst umgebaut wurde: Alle Teile für die neue Lüftungs- und Klimatisierungsanlage wurden mit Lastwagen mit polnischen Kennzeichen herantransportiert – ja liebe Migros, gibt es denn keinen Schweizer Fachbetrieb für solche Anlagen? Euer Fokus auf "regionale Produkte" gilt wohl nicht, wenn man beim eigenen Einkauf im Ausland Geld sparen kann.

Die Schweizer Detailhändler geben sich sowieso gerne als Kämpfer für die Sache der Konsumenten, wenn es darum geht, die "bösen" Markenhersteller unter Druck zu setzen, wenn diese sich ihre Produkte für den Schweizer Markt finanziell vergolden lassen. Dafür setzen sie auf so genannte Parallelimporte, d.h. sie beschaffen sich die Waren nicht beim offiziellen Schweizer Grosshändler, sondern kaufen diese direkt selber im Ausland ein. Sie schlachten dieses Vorgehen auch gerne medial aus, um sich positiv zu in Szene zu setzen, wenn es um den Kampf gegen die "Hochpreisinsel Schweiz" geht.

Ein aktueller Bericht auf 20min.ch hat mir jetzt die Augen geöffnet: Migros importiert neu die 0,5 Liter Cola-Flaschen aus Polen, um in der Schweiz den Verkaufspreis im Regal halten zu können. Ich kann nur sagen: Danke, Migros: Ab sofort sehe ich mich nicht mehr als "Einkaufstourist". Anfreunden konnte ich mich mit dem Wort eh nie, da es für mich seit der Kindheit normal ist, gewisse Produkte in Deutschland einzukaufen. Ab sofort verstehe ich mich als "privater Parallel-Importeur". Ich setze damit unter anderem ein Zeichen gegen überhöhte Preise für Fleischprodukte in der Schweiz und protestiere damit gegen hohe Import- oder Schutzzölle sowie Preisabsprachen im Markt für Schweizer Landwirtschafts-Produkte.

Quelle: bahnbilder.de

Als umweltbewusster Konsument nutze ich dabei den öffentlichen Verkehr, da die Stadt Basel extra die Tramlinie 8 aus der Innerstadt heraus bis direkt vor die Eingangstore der deutschen Shoppings-Malls verlängert hat. Dank weitsichtiger Planung wird aktuell die Tramlinie 3 nach Frankreich verlängert, auch dort warten französische Super-Marchées auf Schweizer Kunden. Die Stadt Basel und ich als Konsument leisten damit einen wertvollen Beitrag an die Reduktion des Lastwagenverkehrs in der Stadt, da nun die Filialen der Schweizer Detailhändler weniger oft mit frischen Produkten beliefert werden müssen.

Wer sich als privater Parallel-Importeur versteht, schafft eigentlich überall nur Gewinner: Mehr Druck auf die hohen Preise in der Schweiz, Reduktion der schädlichen CO2-Emissionen und Sicherstellung, dass der freie Warenhandel auch in Zukunft für alle reibungslos funktioniert.