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Cloud First" – oder "Hilfe, ich bin gedrosselt!

Von Hitzestau - 30.10.2014

Teil einer Serie

Inhaltsverzeichnis

Autor: Archangel

Die Drosselkom ist wieder da. So hat Kabel Deutschland jetzt auch Kunden, die ihren Vertrag vor 2009 geschlossen haben, eine Reduktion des Internetzugangs aufgedrückt, wenn ihr Datenvolumen 10 GB pro Tag überschreitet. In den AGB schränkt Kabel Deutschland dies zwar auf Traffic aus Filesharing-Angeboten ein und verspricht, andere Anwendungen wie Surfen oder Video-Streaming seien davon ausgenommen. Aber trotzdem ist dies ein Eingriff die persönliche Freiheit des Users und die allgemeine Netzneutralität. Auch O2 will ab November mit einer Drosselung seiner DSL-Zugänge beginnen, wenn die Kunden ein bestimmtes Datenvolumen während mehrerer Monate überschreiten.

Quelle: stock.xchng

Ob gedrosselt oder nicht, das Datenvolumen, welches Provider wie Deutsche Telekom oder Vodafone durch ihre Netze jagen, steigt kontinuierlich an. Das geht scheinbar so weit, dass die Telekom nicht mehr das Geld hat, ihre Infrastruktur auszubauen und droht, die Kosten dem Endverbraucher oder der Inhalte-Industrie aufzubrummen. Auch der Ruf nach Steuergeldern für den Netzausbau wird in Deutschland immer lauter.

Quelle: stock.xchng

Im Fokus stehen dabei wieder die grossen Inhalte-Anbieter wie YouTube, Facebook und andere. Was dabei aber meist vergessen geht, ist dass die grossen Konzerne wie Microsoft, Apple und andere ihre Kunden sozusagen systematisch dazu anhalten, mehr Traffic zu verursachen. Das Zauberwort heisst Cloud. Genau die Cloud, welcher der neue Microsoft CEO Satya Nadella höchste Priorität in seiner Strategie einräumt.

Bleiben wir erstmal bei den einfachen Anwendungen: Der Vertrieb von Software läuft heute nicht mehr über Discs, die man zur Installation in der richtigen Reihenfolge ins Laufwerk einschieben muss. Die Office-Anwendungen oder auch die Kreativlösungen von Adobe kommen heute per Download ins Haus, um nur zwei Beispiele zu nennen. Plattformen wie Steam machen den Verkauf von Spielen im stationären Handel eigentlich überflüssig. Ein Download- oder Aktivierungsschlüssel reicht, um den Titel direkt herunterzuladen. Auch Spielkonsolen wie die Xbox One setzen verstärkt auf den Download aus dem Store. Aber auch auf Disc gekaufte Spiele ziehen schnell zusätzliche Downloads von 10-20 GB nach sich. Generelle Softwareupdates für OS, Programme und Virenlösungen auf dem PC fallen ebenfalls in diese Kategorie. Und wer heute ein Smartphone kauft, wird dies kaum Einrichten können, ohne dabei Traffic zu verursachen. Wer sein Handy nicht mit Online-Konten und Synchronisations-Diensten verknüpft, hält schnell nur eine wertlose Insellösung in der Hand.

Quelle: stock.xchng

Aber bei der Cloud geht es ja nicht nur um das Herunterladen von Daten in eine Richtung. Cloud heisst Vernetzung von Geräten und Personen. Auf meine Dokumente aus Office365 kann ich dank SharePoint oder OneDrive von jedem beliebigen Gerät aus zugreifen. Oder dass meine Fotos, die ich mit dem iPhone 6 Plus mache, sofort auf all meinen anderen Apple-Geräten verfügbar sind, ist nicht Zauberei, sondern Datensynchronisation via iCloud. Die Liste an Beispielen könnte man beliebig fortsetzen, aber alle haben eins gemeinsam: Sie erzeugen Traffic. Ebenso Traffic erzeugen neue Angebote der Content-Industrie: Musik, TV-Serien und Filme muss man nicht mehr besitzen, und auf einem Datenträger sowieso nicht mehr. Es reicht, wenn sie für einen ständig in der Cloud verfügbar und bei Bedarf abrufbar sind. Netflix und Spotify sind zwei Beispiele für Streaming-Anbieter, bei iTunes kauft oder leiht man zwar Inhalte, aber eine Disc gib es auch dort nicht.

Was mich am meisten stört ist, dass immer noch aberwitzige Vorstellungen von monatlichen Traffic-Volumen durchs Internet geistern. Die Telekom wollte ja letztes Jahr ab 75 GB Traffic pro Monat anfangen zu drosseln. Und auch jetzt gibt es in Foren und Kommentarspalten immer noch genügend Leute, die behaupten, ausser mit illegalem Filesharing könne man solche Zahlen gar nicht erreichen. Ein Blick in die Statistik von unserem Router bei hitzestau zeigt mir einen Traffic von insgesamt 376 GB Download für die vergangenen 30 Tage an. Wir nutzen unseren Internetzugang zu zweit aber auch sehr intensiv, allfällige Nutzung in der Grauzone klammere ich jetzt mal aus:

  • Surfen, E-Mail
  • Software / Softwareupdates
  • Publizieren via WordPress, Facebook, 500px
  • Live-TV via Zattoo
  • Streaming via Netflix
  • Musik-Streaming via Spotify
  • Games und Updates für PC und Xbox One

Scheinbar sprechen service-orientierte Anbieter wie Microsoft, Apple oder Google nicht mit den Internetprovidern über solche Dinge. Die eine Seite will mir als Konsument die Vorteile der globalen Datenwolke schmackhaft machen und die andere Seite bestraft mich, wenn ich genau diese Dienste auch im vollem Umfang nutze. Es ist zwar sehr schön, wenn Satya Nadella sagt, "Microsoft is the productivity and platform company for the mobile-first, cloud-first world." – Noch schöner wäre es, wenn die Botschaft auch bei den Zugangsprovidern ankommt, und dort nicht beissreflexartig den Ruf nach Drosselung oder Steuergeldern auslöst. Wer seine Kunden wortwörtlich ständig ausbremst wird den Zug Richtung Zukunft verpassen. Und der ist zur Cloud unterwegs und zwar ohne Halt.