Stürmische Zeiten für Apple

Von Hitzestau - 13.01.2017

Inhaltsverzeichnis

Es ist ein kräftiger Wind, der Apple seit einiger Zeit auf Tech-News, Online-Medien und Foren ins Gesicht bläst. Rund um das im Oktober 2016 vorgestellte neue Notebook Line-Up schien sich einiges an Energie zu entladen, die sich seit längerem angestaut hat. Kein anderes Produkt von Apple hat letztes Jahr so viel Diskussionen provoziert, nicht einmal der Wegfall des Klinkensteckers für den Kopfhörer beim iPhone 7 war so umstritten. Das amerikanische Forbes Magazin führt Apple als die wertvollste Marke der Welt. Und die auf Ende Januar 2017 angekündigten Quartalszahlen des Konzern werden nach Expertenmeinungen auch gut aussehen – also alles in Butter könnte man meinen.

Wir wollen diese Kritik aufgreifen und unsere Meinung einfliessen lassen, bevor wir zu unserem eigenen Erfahrungsbericht mit dem MacBook Pro kommen. Denn es wäre nicht fair, alles was Apple seit einiger Zeit an Kritik entgegenfliegt, sozusagen einzig dem Notebook anzulasten. Unsere Frage ist, welches Bild Apple aus unserer Sicht momentan nach aussen abgibt.

Von: Hepjam
Quelle: Shutterstock

Der Mac ist uns immer noch wichtig

Apple kennt man in erster Linie für seine Produkte, und da steht der "Mac" immer noch weit oben, auch wenn Produkte wie das iPhone natürlich sehr viel Beachtung von Kunden und Medien bekommen. Der berühmte "Apple Macintosh" wurde 1984 vorgestellt – heute umfasst die Produktepalette von Apple bekanntermassen viel mehr unterschiedliche Geräte: Als Mobil-Geräte gibt es das iPhone, das iPad, die Apple Watch und den iPod. Zum Namen "Mac" gehören heute so unterschiedliche Computer wie der Mac Pro, der Mac Mini, der iMac sowie die Notebook-Linien MacBook Air, MacBook und MacBook Pro. Im Segment Home Entertainment hat Apple mit der Apple TV-Box ebenfalls ein Standbein.

Der erste Apple Macintosh. 1984. Quelle: Wikipedia

Und mit der Verbreiterung der Produkte-Palette kamen auch neue Betriebssysteme hinzu: Für Mobilgeräte wie Smartphones und Tablets hat Apple mit iOS eine eigene Plattform geschaffen. Im Jahre 2015 wurden zwei neue Betriebssysteme lanciert: watchOS kam im April 2015 mit der Apple Watch und tvOS wurde im September desselben Jahres als Software für die neuste Generation der Apple TV-Box lanciert. Somit hat Apple aktuell vier Betriebssysteme im Portfolio (macOS, iOS, watchOS, tvOS). Zusammengehalten wird das Öko-System von Apple via iCloud, die es erlaubt Daten zwischen den einzelnen Geräten zu synchronisieren. Nicht zu vergessen sind die jeweiligen App Stores sowie das Angebot an Musik, Büchern, Zeitschriften, TV-Serien und Kinofilmen, um nur die wichtigsten zu nennen. Dieses gesamte System gehört zu den grössten Stärken von Apple und macht auch die Attraktivität der Apple-Plattformen aus.

Die grosse Frage für viele Mac-Anwender ist aber – und das nicht erst seit gestern – wie wichtig die Mac-Plattform für den Konzern heute noch ist. Insbesondere die Frage nach der Zukunft des Mac Pro ist bis heute unbeantwortet. Tim Cook wird zwar nicht müde zu betonen "we love the Mac", aber die Produkte-Zyklen der einzelnen Modell-Reihen sprechen eine andere Sprache. Wenn auf dem Buyer’s Guide von MacRumors fast alle Anzeigen auf "Don’t buy" stehen, stimmt etwas nicht.

Screenshot vom 12.01.2017. Quelle: macrumors.com

Und auch an der Keynote an der Entwicklerkonferenz WWDC im Juni 2016 wurde keine neue Mac-Hardware vorgestellt, sondern es ging ausschliesslich um Neuerungen aus dem Softwarebereich. Erst Ende Oktober 2016 stand der Mac im Zentrum – vorgestellt wurde ein rundum neu konzipierter MacBook Pro mit einer Touch Bar anstelle der Leiste mit den Funktionstasten. Änderungen bei den anderen Mac-Produkten wie dem Mac Mini, dem Mac Pro und dem iMac wurden keine angekündigt, was mit viel Enttäuschung und Unverständnis für die Produkte-Politik von Apple kommentiert wurde. Viele Leute warten seit längerem auf neue Macs und waren dementsprechend enttäuscht.

Reaktionen auf die Hardware-Politik

Auch für uns ist die Produkte-Politik von Apple was den Mac anbelangt, nicht wirklich nachvollziehbar. Kein Wunder herrscht hier eine gewisse Verunsicherungen – auch gemischt mit Frustration – bei den Mac-Kunden. Gerade wer Apple Computer für seine berufliche Tätigkeit einsetzt, seine gesamte Infrastruktur darauf abstützt und dem Konzern durch alle Höhen und Tiefen die Treue gehalten hat, kann nicht einfach so zu einem anderen Hersteller wechseln, wie man die SIM-Karte von einem Smartphone ins Andere schiebt.

Nicht ohne Grund gibt es hier eine gewisse Gegenbewegung, welche die feste Kombination von Hardware und Software wie sie bei Apple üblich ist, versucht zu durchbrechen: Die Rede ist vom so genannten "Hackintosh", bei dem das Betriebssystem macOS auf frei verkäuflicher PC-Hardware installiert wird. Das ist in den Lizenzbestimmungen von Apple verboten, aber es ist auch eine Reaktion auf die Produkte- und/oder Preispolitik. Und für die aktiven Programmierer der Hackintosh-Szene ist es natürlich auch eine technische Herausforderung macOS und möglichst viele Dienste auf Hardware zum Laufen zu bringen, die nicht von Apple selber stammt. Das Flaggschiff Mac Pro wurde vor über drei Jahren zuletzt einem Hardware-Upgrade unterzogen, die Preise jedoch nie entsprechend nach unten angepasst. Und ausser den AIO (All in One)-Geräten der iMac-Linie fehlt bei Apple ein "normaler" Desktop-Rechner aus Einzelkomponten, die bei Bedarf auch nachgerüstet werden können. Einen Hackintosh kann man als Kritik an der Hardware-Politik verstehen, aber auch als Kompliment für macOS als Betriebssystem betrachten.

Plattformen und Programme

Softwareseitig pflegt Apple aktuell vier Betriebssysteme, eine gewisse Anzahl von Anwendungsprogrammen wie Fotos, iMovie, Keynote, Final Cut X und die ganzen System-Apps, zu denen unter anderem Mail, Kontakte oder Kalender zählen. Die Frage, ob Apple mit vier Plattformen auf bestem Wege ist sich zu verzetteln, muss durchaus erlaubt sein.

Das Betriebssystem macOS erhält seit Jahren eine jährliche Systempflege, unterdessen ist man mit macOS Sierra bei der dreizehnten Version angekommen. Für den Endanwender sind in den letzten Jahren nicht mehr viele grosse Neuerungen dazukommen. Viele Neuerungen finden "unter der Haube" statt – und genau da haben sich einige Probleme eingeschlichen: Grosse Updates am Betriebssystem führen immer wieder dazu, dass bekannte Schnittstellen und Anwendungen von Drittanbietern nicht mehr funktionieren. So gibt es seit dem Release von macOS Sierra immer noch Probleme mit dem Umgang mit PDF-Dateien, obwohl bereits zwei grosse Updates erschienen sind. Startschwierigkeiten bei den WLAN- und Bluetooth-Funktionen sowie dem Energiemanagement für Akkus gibt es bei macOS und iOS regelmässig, wenn neue Versionen erscheinen. Über viele negative Reaktionen in Kommentarspalten muss Apple sich dann natürlich nicht wundern.

Bei sogenannten Profi-Tools hat Apple in den letzten Jahren ein sehr durchwachsenes Bild abgegeben. Die Software "Aperture" zur Verwaltung und Bearbeitung von Bildern wurde im Oktober 2014 eingestellt. Der Nachfolger "Fotos" vom April 2015 besitzt nicht mehr denselben Funktionsumfang. Viel negatives Feedback von professionellen Produktionsstudios handelte sich Apple auch mit seiner Videoschnitt-Lösung Final Cut Pro X ein. Beim Start fehlten wichtige Funktionen, die Apple dann erst später nachlieferte. Unterdessen wird die Lösung unter anderem von grossen TV-Stationen eingesetzt. Beim letzten grossen Update von Logic Pro X hat Apple dann offensichtlich aus den Fehlern gelernt, und auch den Launch nicht mit grossen Messeauftritten zelebriert, wie man es bei Final Cut Pro X gemacht hatte. Aperture, Final Cut Pro und Logic Pro betreffen natürlich nur ein gewisses Kundensegment, aber die negative Berichterstattung hat sicher auch ihre Narben in der Wahrnehmung von Apple hinterlassen.

Wo sind die Innovationen?

Was Innovationen angeht, sind die Erwartungshaltungen an neue Produkte durch die Bank hoch. "Apple" steht für Produkte, die gut aussehen, Innovationen beinhalten, Trends auslösen und einfach zu bedienen sind. Daran wird jedes neu lancierte Produkt automatisch gemessen. Und diesem Ruf jedes Mal gerecht zu werden, ist sicher alles andere als einfach.

Wie wir schon in unserem Erfahrungsbericht zum iPhone 7 Plus geschrieben hatten, ist es schlicht nicht möglich jedes Jahr das Rad neu zu erfinden. Gerade bei Geräten wie Smartphones scheint in der gesamten Industrie ein gewisser Scheitelpunkt erreicht, wo es mehr um Produkte-Pflege und Weiterentwicklung geht. So sind auch im iPhone 7 zahlreiche Neuheiten verbaut, nur werden diese vom Konsumenten nicht unbedingt als solche wahrgenommen.

Früher lösten Neuvorstellungen von Apple noch einen gewissen "muss ich sofort haben"-Reflex aus. Heute ist das anders, schaut man in die Kommentare von Tech-Sites findet man eher einen Abwehrreflex so nach dem Muster "wozu brauche ich das?" oder "haben andere schon". Für das Marketing von Apple, welches ja sehr stark auf die Berichte durch Dritte setzt, ist dies problematisch.

Die "One more thing..."-Momente von Steve Jobs an Keynotes sind legendär, wirkliche Überraschungen an einem solchen Event hat Apple in den letzten Jahren nicht mehr hervorgebracht. Meist sind die Leaks und Gerüchte im Vorfeld von Keynotes so präzise, dass echte Überraschungen auf der Bühne rar geworden sind. Und kaum ist eine Keynote fertig und die Produkte im Handel, gehen schon die Spekulationen über die Features des Nachfolgers los. Förderlich für die Wahrnehmung des gerade erst lancierten Produkts ist das natürlich auch nicht.

"One more thing"-Moment mit Steve Jobs (Screenshot Aufzeichnung). Quelle: YouTube

Dafür gibt es mehrere theoretische Erklärungen: entweder werden Leaks von Apple in Kauf genommen, weil interne Bestimmungen gelockert wurden, oder sie werden gezielt gestreut, um die Berichterstattung zu fördern. Andererseits ist halt auch die Wahrscheinlichkeit, dass etwas "ausgeplaudert" wird immer grösser, wenn man mit vielen Zuliefer-Firmen arbeitet.

Ein Teil der Innovation und Entwicklung bei Apple betrifft das schlanke Design der Geräte, und dies betrifft Smartphones und Tablets genauso wie Notebooks oder den iMac. Die Geräte werden von Generation zu Generation schlanker und dünner. Natürlich es ist schön, leichte und schlanke Geräte zu haben, aber wenn der Punkt erreicht wird, wo Design wichtiger ist als die Alltagstauglichkeit in Form von Akkuleistung oder Performance, entsteht ein Ungleichgewicht. Ganz explizit hat man dies in den Reaktionen zum neuen MacBook Pro gesehen, auf den wir ja noch eingehen werden.

Neuerungen aus dem Bereich Services bei Apple sind oft an den Besitz neuerer Hardware gekoppelt und dienen der Verstärkung des eigenen Ökosystems: Dazu gehören etwa Apple Pay, Touch ID, Continuity, Hand-Off oder die Apple Watch zum Entsperren von macOS-Geräten. Dies sind Entwicklungen, die von Apple zwar gross beworben werden, aber es stellt sich dann immer auch die Frage, wie viele User diese Dienste effektiv nutzen können, da dies immer von der Hardware-Generation abhängig ist.

Preispolitik

Die Verkaufspreise der Apple-Produkte kennen seit einiger Zeit nur eine Richtung, und zwar nach oben. Das neue MacBook Pro hat einen massiven Preisaufschlag erlebt, auch für ein iPhone 7 muss man mehr Geld hinlegen, als für das 6s im Vorjahr. Die integrierte Bauweise sollte eigentlich eine kostensparendere Produktion ermöglichen, zudem werden die Bauteile immer günstiger. Der Verdacht liegt also nahe, dass Apple-Kunden einen "Premium-Aufschlag" bezahlen, weil das Apfel-Logo drauf ist. Klar gibt es eine hohe Fertigqualität nicht umsonst, aber die Frage ist schon berechtigt, wie lange sich Apple die steigenden Preise noch leisten will und kann. Andere Väter haben auch schöne Töchter sagt man und wenn steigende Preise mit viel negativer Berichterstattung zusammentreffen, kann das für Kunden eine Kaufentscheidung zu Gunsten eines anderen Anbieters bedeuten. Im Fall von Apple bedeutet das dann meist einen Wechsel der gesamten Plattform, also weg von iOS oder macOS – der oben erwähnte Hackintosh bildet hierbei natürlich eine Ausnahme.

Preisanpassungen bei Produkten die schon länger im Handel sind und kein Upgrade mehr bekommen haben, findet man bei Apple selten. So wurden die Preise des drei Jahre alten Mac Pro nie nach unten angepasst und mit den Wechselkursschwankungen ist er unterdessen sogar teurer geworden. Was eher praktiziert wird, sind die Modelle einer Vorgänger-Generation im Preis zu senken und als "Einstieger-Geräte" zu positionieren. Wobei auch dann die Preise immer noch recht hoch sind. Der Eindruck der hohen Preise kommt auch daher, dass im Gegensatz zu früher die eindeutigen Grenzen zwischen Consumer- und Pro-Geräten verschwunden sind. Wer erinnert sich noch die farbigen Notebooks oder an die bunten iMacs, die sich auch optisch von den Pro-Modellen abgrenzten? Heute kommen alle Geräte in einem einheitlichen Alu-Look daher, die Versuche mit dem farbigen iPhone 5c wurde leider nach einem Jahr wieder ersatzlos eingestellt.

Schnittstellen-Massaker

Fortschritt kann weh tun, wobei der Schmerz meistens schneller vergeht, als zu Anfang geglaubt. Fortschritt heisst nicht nur Neues zu erfinden und zur Marktreife zu bringen, sondern auch zum Punkt zu kommen, wo man Altes bewusst weglässt. Diskettenlaufwerke vermisst heute niemand mehr, dasselbe gilt sicher auch für den Parallel-Anschluss oder intern verbaute CD/DVD-Laufwerke. Bei der Einführung neuer Schnittstellen und beim Verzicht auf alte, ist Apple ein Vorreiter in der Computer-Industrie gewesen. So ist auch der Kauf von Software als Download oder via einen Online-Store zur Normalität geworden.

Im vergangenen Jahr hat Apple der Öffentlichkeit ein regelrechtes Schnittstellen-Massaker präsentiert. Der Wegfall des TOS-Link Anschlusses beim neuen Apple TV oder des Klinkensteckers für den Kopfhörer beim iPhone 7 war dabei nur das Vorspiel. Der neue MacBook Pro kommt nur noch mit USC-C Anschlüssen daher, für USB, HDMI, DisplayPort oder LAN muss man ab sofort Adapter verwenden – nur den Klinkenstecker hat Apple hier überleben lassen. Dafür ist online schnell der Begriff "Adapterhölle" entstanden, wobei man Adapter schon immer irgendwie zum Alltag gehört haben, wenn man es mit technischen Geräten zu tun hatte.

Spott auf Twitter (Screenshot @dbreunig). Quelle: Twitter

Auch wir haben für unseren MacBook Pro-Test recht zügig ein paar Adapter besorgen müssen, aber langfristig gesehen ist die Entscheidung von Apple aus unserer Sicht richtig. Mit den USB-C-Anschlüssen bekommt der User universelle Anschlüsse, und sogar der dedizierte Stromanschluss ist weggefallen. Mehr Flexibilität geht eigentlich gar nicht. Wünschenswert wäre es sicher gewesen, einen Standard-Adapter von USB-A auf USB-C beizulegen, wie sie es mit dem Kopfhörer-Adapter beim iPhone 7 gemacht hatten. Und auch die einzelnen Adapter haben ihren Preis. Gerade beim MacBook Pro bietet sich jedoch auch eine Chance für Dritthersteller, mit Docking-Lösungen welche verschiedene Schnittstellen beinhalten, den Kabelsalat zu reduzieren.

Keynotes "The best device we have ever built"

Nicht nur für seine Produkte und Services pflegt Apple einen eigenen unverwechselbaren Stil, sondern auch für die Art und Weise, diese zum ersten Mal öffentlich vorzustellen. Das Format der Keynotes zur Präsentation von neuen Produkten und Updates hat Apple quasi erfunden, könnte man sagen. Heute präsentieren viele grosse Unternehmen ihre Neuheiten auf ähnliche Weise.

Vor allem seit dem vergangenen Jahr ist den Keynotes ein neuer Trend erkennbar: Die Events werden mit Beiwerk zu überdimensionalen Shows aufgeblasen, so dass man am Schluss kaum anders kann, als sich zu fragen "Und für was konkret wurde der ganze Zirkus veranstaltet?" Und manchmal empfinden wir es auch als fragwürdig, was alles in eine Keynote als Programmpunkt aufgenommen wird. Früher präsentierte man an solchen Events ein neues iPhone, das erste iPad oder ein extrem flaches MacBook Air – heute werden die animierten Hintergründe in der iOS-App von iMessage schon als Höhepunkt dem Publikum präsentiert. Und wenn die Zuschauer so etwas nicht spontan mit Applaus quittieren, wird krampfhaft versucht, die Stimmung anzuheizen.

CEO Tim Cook auf der Bühne am 7. September 2016.
Quelle: Apple

Auch die letzte Keynote vom Oktober 2016 zur Vorstellung des MacBook Pro hinterliess einen zwiespältigen Eindruck. Zuerst wurden rund 20 Minuten auf Neuerungen bei Apple TV verwendet, Neuerungen wohlgemerkt, die hauptsächlich die Zuschauer in den USA betrafen. Das Thema Apple TV wäre besser an der WWDC aufgehoben gewesen. Die Vorstellung des neuen MacBook Pro dauerte dann eine volle Stunde.

Ein anderer Kritikpunkt an den Keynotes ist die Sprache: Zu Zeiten von Steve Jobs gab es auf YouTube Zusammenschnitte wie oft er "amazing" sagte, heute sind die einzelnen Präsentationen oft eine Aneinanderreihung von Superlativen: "the best device we have ever built" oder "our biggest release yet" sind nur zwei Beispiele. Wenn man diese aber zu oft zu Hören bekommt, verlieren sie an Glaubwürdigkeit. Denn sicher ist, auch in der Keynote im folgenden Jahr wird es wieder "the most amazing device" sein. Oder anders gesagt: die Produkte wechseln von Jahr zu Jahr, aber die Worte mit denen sie beschrieben werden, sind unterdessen austauschbar geworden.

Creators, Creators, Creators...

Gerade zu Symbolcharakter hatte die letzte Woche des Oktober 2016. Konsumenten und Tech-Welt warteten gespannt auf die Enthüllung von neuen Mac-Produkten, und genau am Abend vorher hatte Konkurrent Microsoft eine eigene Keynote geplant. Weder Shakespeare noch Alfred Hitchcock hätten eine spannendere Ausgangslage schaffen können. Microsoft legte mit seinem "Creators-Update" für Windows 10 und dem AIO-Computer "Surface Studio" vor. Die ganze Präsentation bei Microsoft stand unter dem Motto Kreativität. Das Surface Studio zielte auf ein sehr spezifisches Kundensegment. Es bekam viel positive Ressonanz in der Berichterstattung, obwohl es noch niemand getestet hatte und Microsoft wurde als innovativ wahrgenommen.

Microsoft stellt Surface Studio vor (Screenshot Video). Quelle: :YouTube

Natürlich wäre es schon sehr interessant gewesen zu wissen, was an dem Tag in den Köpfen der Verantwortlichen bei Apple vorging. Microsoft wilderte ganz offen in der Zielgruppe der "Kreativen", also einem traditionellen Apple-Segment.

Apple stellt MacBook Pro mit Touch Bar vor (Screenshot Video). Quelle: :YouTube

Wie wir alle wissen, stellte Apple an dem Tag den MacBook Pro mit der Touch Bar als grösste Neuerung vor. Die Keynote liess uns mit sehr gemischten Gefühlen zurück: Die Parade-Disziplin von Apple war immer das gestalterisches Arbeiten gewesen – doch nach den beiden Keynotes schien es so, als hätte Microsoft den Stab an sich gerissen und Apple hätte sie gewähren lassen. Andererseits kann man es so sehen: Zwei Hersteller haben kurz hintereinander ihre unterschiedlichen Konzepte gezeigt. Der eine setzt auf Geräte mit Touchdisplay und Stifteingabe, der andere bleibt beim klassischen Notebook und bietet dort eine neue Eingabeform an. Es liegt am Schluss am Konsumenten zu entscheiden, was ihm besser gefällt oder welche Werkezeuge für seine Tätigkeit besser geeignet sind. Beide mussten sich jedoch den Vorwurf gefallen lassen, beim Prozessor auf veraltete Hardware zu setzen.

Gesamtbild

Wir haben bis jetzt einige Punkte und Eindrücke angesprochen, doch wie setzen sich diese zu einem Gesamtbild zusammen? Eingangs haben wir das Forbes Magazine erwähnt, welches Apple als wertvollste Marke der Welt führt. Doch im ganzen Artikel ist es uns nicht um Börsenwerte und Gewinne gegangen, sondern wie Apple als Unternehmen wahrgenommen wird. Neben unserer eigenen Meinung hat uns dabei auch interessieret, wie es etwas globaler gesehen um Apple bestellt ist, und da sind wie beim renommierten Reputation Institute fündig geworden.

Die Erkenntnisse in der jährlichen Reputations-Studie RepTrack decken sich in Teilen mit unserer eigenen Wahrnehmung. Apple wird laut der Studie sehr positiv für seine Produkte wahrgenommen, und auch für seine finanzielle Stärke. Klar wird auch, dass es zu allererst die Produkte sind, für die man Apple kennt. Bereiche in denen Apple mehr zu kämpfen hat, sind Themen wie transparentes Geschäftsgebaren, die Unterstützung von wohltätigen Zwecken oder der Umweltschutz. Interessanterweise sind gerade die beiden letztgenannten Punkte zwei Bereiche, wo Apple viel in seine Kommunikation nach aussen investiert. Die Resultate des Reputation Institute legen nahe, dass Apple hier seine eigenen Ziele noch nicht ganz erreicht (Grafik anklicken zum Vergrössern).

US RepTrack 2016: Apple. Quelle: Reputation Institute

Mit diesem Input im Hinterkopf versuchen wir eine eigene Zusammenfassung als Antwort auf die Frage: Welches Bild gibt Apple aus unserer Sicht momentan nach aussen ab?

  • Es gibt aktuell viele Stellen, wo Apple sich eine blutige Nase holt: Im Auftreten, eine gewisse Ideenlosigkeit und Teile der Produkte-Palette, die vernachlässigt werden. Aus unserer Sicht türmen sich die Baustellen auf – das zeigt auch die Länge des Artikels.
  • Apple wirkt wie aus dem Tritt geraten und das Fundament hat angefangen zu bröckeln. Die erfolgsverwöhnte Innovationsmaschine hat Sand im Getriebe, könnte man sagen. In den Medien und in den Köpfen vieler Anwender hat sich viel Negatives angesammelt, was sich zu einer Negativ-Spirale entwickelt.
  • In der Präsentation der Produkte stecken viele Widersprüche: Auf der einen Seite wird Apple nicht müde zu betonen "we love the Mac", aber pflegt dann die Hardware nicht mit Upgrades und erzeugt dann viel negative Resonanz mit einem grossen Hype um eine neue Eingabeform.
  • Lange war "reduce to the max" eine Philosophie der Apple-Produkte. Software war einfach zu bedienen und klar aufgebaut. Doch neu scheint das Gefühl der Entwickler dafür, was man weglassen kann und was der Kunde braucht, aus dem Gleichgewicht gekommen zu sein: Weniger Akkuleistung im MacBook Pro, kein Kopfhörerstecker im iPhone 7, kein TOS-Stecker beim Apple TV und Betriebssysteme, wo immer wieder Funktionen weggelassen werden, die dann nur noch via Drittanbieter implementiert werden können.

Die Frage ist natürlich auch, wie Apple das intern selber reflektiert. Und was auch mal gesagt werden muss: Sprüche wie "Unter Steve hätte es das nie gegeben" sind nicht konstruktiv, denn sie entbehren jeder Grundlage und sind pure Spekulation.

Und auch wenn Apple im Moment viel Prügel einstecken muss, sollte man nicht vergessen, dass Apple mit seinem Öko-System bestehend aus den Geräten vom iPhone zum MacBook Pro und den Services wie iCloud und den verschiedenen Stores über ein starkes Fundament verfügt, was – unabhängig von einem einzelnen Gerät – die anhaltend hohe Attraktivität der Apple-Plattform ausmacht. Diese Plattform verteidigt Apple auch vehement, wie man im vergangenen Jahr an der Weigerung bei der Entsperrung eines iPhones den Behörden zu helfen, erleben konnte.

Abschliessend noch dieser Gedanke: Wenn man sich zu sehr auf einzelne Features von einem Gerät oder einer Software einschiesst, besteht auch die Gefahr, dass man den Blick auf das grosse Ganze verliert.