Netflix - Revolution per Streaming?

Von Hitzestau - 19.09.2014

Inhaltsverzeichnis

Autor: Archangel

Seit Donnerstag ist der US-amerikanische Videostreaming-Dienst Netflix auch mit einem Angebot in der Schweiz online gegangen. Dabei ist Netflix im Medienbusiness schon bald ein alter Hase: Als Unternehmen hat Netflix unterdessen 17 Jahre Firmengeschichte hinter sich. Netflix wurde 1997 in Kalifornien als DVD-Verleih gegründet, der Einstieg ins Streaminggeschäft mit Serien und Filmen erfolgte 2007.

Jetzt ist die Schweiz also auch ein Netflix-Land. Lange habe ich diesen Schritt herbeigesehnt, da ich erstens ein entschiedener Gegner des gebührenfinanzierten Fernsehens bin und es zweitens auf legalem Weg fast immer schwierig ist, an die aktuellen Episoden meiner amerikanischen Lieblingsserien heranzukommen. Werde ich jetzt meine monatliche Zahlungen an einen Filehoster einstellen und in ein Netflix-Abo umwandeln?

Ich will mich hier nicht vorschnell auf eine Antwort festlegen, schauen wir uns doch erst mal das Schweizer Angebot von Netflix an.

Sorry, hier ist mir ein falscher Screenshot reingerutscht... Fangen wir nochmal von vorne an: Netflix bietet TV-Serien und Spielfilme zum Streaming via Internet an. Wann man welchen Film oder welche Serie schaut, ist die souveräne Entscheidung des Kunden. Netflix ist ein Video-on-Demand Dienst ohne feste Sendezeiten. Das Angebot ist von Land zu Land verschieden. Via Internet ist Netflix zwar theoretisch ein globaler Anbieter – aber wenn es um Verwertungsrechte für TV-Serien und Spielfilme geht, sind die nationalen Landesgrenzen etwa so durchlässig wie die Chinesische Mauer.

Ohne Anmeldung als Kunde war es am Donnerstag kaum möglich herauszufinden, welche Serien mit welchen Staffeln verfügbar sind. Zum Glück bietet Netflix einen kostenlosen Probemonat an. Aber hier müsste sich Netflix schon überlegen, derartige Informationen auch ohne Login verfügbar zu machen. Bei Netflix zahlt man nicht pro Film oder Serienepisode, wie man es beispielsweise von iTunes kennt, sondern man hat mit einem Abo Zugriff auf die gesamte Netflix-Bibliothek des jeweiligen Landes. Netflix unterscheidet dabei zwischen Standard- und HD-Qualität sowie der Anzahl Geräte, mit denen man gleichzeitig Streams empfangen kann.

Screenshot.
Quelle: Netflix

Das Schöne an Netflix ist, dass der Dienst mit einer Vielzahl von Geräten nutzbar ist, und man nicht auf den Fernseher mit einer Set-Top Box beschränkt ist. Sozusagen zu den "Empfangsgeräten" gehören der Computer mit einem Webbrowser, iOS- und Android-Geräte (via App), Smart-TV’s und Spielkonsolen wie die Xbox One.

Als Serienliebhaber habe ich mich nach der Anmeldung natürlich gleich aufs Serien-Angebot gestürzt.

Screenshot.
Quelle: Netflix

Und dabei wurden schnell die Grenzen der schönen neuen Streaming-Welt klar. Aktuelle Serien wie "Sons of Anarchy" oder "White Collar" sind zwar zu haben, aber weit von der aktuellen Staffel in Amerika entfernt. Der Start der siebten Staffel "Sons" am 9. September war kurz nach der Erstausstrahlung im Internet verfügbar, wieso sollte ich bei Netflix bezahlen und darauf vier Jahre zu warten? Was die Verfügbarkeit aktueller Staffeln angeht, kann das Schweizer Netflix nicht überzeugen. Hier steht wohl die etablierte Verwertungskette im Weg. Aber sorry Netflix, ich orientiere mich daran, welche Staffel aktuell in den USA läuft und nicht daran, ob ein deutscher Sender sein Erstausstrahlungsrecht schon wahrgenommen hat oder nicht.

Generell ist die Serien-Bibliothek als eher dünn zu bezeichnen, beziehungsweise bedarf es eines zügigen Ausbaus, wenn Netflix sich etablieren will. Nehmen wir nur zahlreiche Serien der 80er Jahre, die sich heute noch grosser Beliebtheit erfreuen und auf manchen TV-Sender rund um die Uhr runtergenudelt werden. Aber eben, "Knight Rider" sucht man genauso vergeblich wie "Hardcastle & McCormick" oder "Ein Colt für alle Fälle". Ich will diesen Beitrag nicht mit einer Aufzählung von Serien füllen, die nicht vorhanden sind. Aber leider setzt sich derselbe Eindruck bei den Kinofilmen fort. Auch hier ist das Angebot äusserst dürftig.

Rein technisch läuft Netflix ohne Tadel. Wir von hitzestau.com haben es via PC, iPad und Xbox One getestet. Voraussetzung ist natürlich ein guter Internetanschluss. Zu Hause dürfte das weniger das Problem sein, aber unterwegs wird es sicher schon schwieriger. Was uns auch gut gefällt ist, dass meistens die deutsche wie auch die Original-Tonspur angeboten werden. Je nach Serie oder Film muss man dabei allerdings manchmal mit einer einfachen Stereo-Spur vorlieb nehmen.

Das Netflix-Interface ist recht übersichtlich gestaltet (Screenshot).
Quelle: Netflix
Netflix auf dem iPad Air: Auch hier lässt sich jederzeit die Tonspur wechseln (Screenshot App).
Quelle: Netflix

Aber nochmals zurück zur eingangs gestellten Frage: Filehoster oder Netflix? Wenn es um die aktuellen Serienstaffeln geht, zieht Netflix bei mir ganz klar den Kürzeren. Damit wäre die Frage eigentlich beantwortet. Wo Netflix aktuell für mich Potential hat ist, wenn es um ältere Serien geht, die ich bisher nicht geschaut habe. Aber irgendwann habe ich das auch alles gesehen. Wenn Netflix mich als dauerhaften Kunden gewinnen will, müssen sie kräftig in Aktualität investieren und sich dabei an der US-Ausstrahlung orientieren. Ich weiss, dass ich damit viel verlange – die Chinesische Mauer steht schliesslich auch heute noch.

Mit dem Namen "Netflix" wird auch immer wieder die Revolution der Fernsehlandschaft verbunden. Nüchtern betrachtet, werden Netflix und andere VOD-Dienst es kaum schaffen, an der Vormachstellung der SRG in der Schweiz zu rütteln. Das liegt aber nicht an den veränderten Sehgewohnheiten der Leute, sondern hat rein politische Gründe, die sich nicht an der Realität orientieren. Die "Tagesschau" als tägliches Lagerfeuer der Familie oder "Wetten dass..?" als Höhepunkt des Wochenendes sind Konzepte der Vergangenheit, die nicht mehr zurückkommen werden. Genauso die Vorstellung, ein Fernsehsender würde den Zusammenhalt des Landes stärken, wenn man Blasmusikorchester oder verzweifelt kochende Hausfrauen gegeneinander antreten lässt.

Aber bevor Netflix der etablierten TV-Landschaft in der Schweiz gefährlich werden kann, muss Netflix erstmal sein eigenes Angebot stärken. Und das zügig, schliesslich ist der Download von einem Filehoster kaum schwieriger als bei Netflix eine Episode zum Anschauen auszuwählen.