Fotostudio in der Hosentasche

Fotostudio in der Hosentasche

Von Hitzestau - 01.07.2022

Das Samsung Galaxy S22 Ultra bereitet viel Freude am Fotografieren. Dafür sorgt seine sehr ambitionierte Ausstattung: Vier Kameras auf der Rückseite, ein 108 Megapixel Sensor, RAW-Aufnahmen und künstliche Intelligenz eröffnen endlose kreative Möglichkeiten.

Fotografieren gehört zu den populärsten Anwendungen auf dem Smartphone. Kein Wunder stehen die Kamera-Eigenschaften im Zentrum, wenn Hersteller ihre neusten Modell-Generationen präsentieren. Erfahrungsberichte zu Smartphones hatten bei uns immer schon einen Schwerpunkt beim Thema Fotografie - beim Galaxy S22 Ultra machen wir nun unserer fotografischen Erfahrungen zum Haupt-Thema des Beitrags.

Quelle: Samsung

Dabei hat es sich für uns als ein “Fotostudio in der Hosentasche” entpuppt. Unsere Testzeit mit dem S22 Ultra hat uns viel Spass gemacht und uns buchstäblich vor Augen geführt, was heute aus Sicht der Fotografie mit einem Smartphone möglich ist.

Aus unserer Erfahrung in den vergangenen Jahren mit Smartphone-Fotografie gibt es ganz allgemein gesagt zwei unterschiedliche Herangehensweise: Die erste nennen wir mal etwas salopp “die Kamera-App ihre Arbeit machen lassen”. Man wählt einen Modus wie Photo, Portrait oder Nacht und lässt Software und künstliche Intelligenz im Hintergrund - also alles was mit “Computational Photography” zu tun hat - ihre Magie entfalten. Die zweite Möglichkeit ist, mehr Parameter bei der Aufnahme manuell selber zu bestimmen. Dazu nutzt man den Pro-Modus der Kamera-App oder eine andere App, welche RAW-Aufnahmen ermöglicht.

Mit unserem Bericht mit zahlreichen Testbildern und einer separaten Galerie wollen wir Euch einen kleine Einblick in beide Methoden geben und in die schier endlosen kreativen Möglichkeiten, welche das S22 Ultra bietet. Diese vier Bilder dienen nur als kleiner Appetithappen...

Umfangreiche Ausstattung

Ok, dass mit der Hosentasche stimmt nicht so ganz, schliesslich ist das S22 Ultra mit Abmessungen von rund 163 x 78 mm nicht gerade klein. Dafür ist es auch insgesamt mit fünf Kameras ausgestattet. Wir geben hier einen Überblick über die wichtigsten Spezifikationen.

Ultra-Weitwinkel:

  • Brennweite: 2.2 mm (entspricht Kleinbild 13 mm)
  • Blende: f/2.2
  • Sensor: 12 MP

Weitwinkel:

  • Brennweite: 6.4 mm (entspricht Kleinbild 24 mm)
  • Blende: f/1.8
  • Sensor: 108 MP

Kleines Tele:

  • Brennweite: 7.9 mm (entspricht Kleinbild 70 mm)
  • Blende: f/2.4
  • Sensor: 10 MP

Grosses Tele:

  • Brennweite: 27.2 mm (entspricht Kleinbild 230 mm)
  • Blende: f/4.9
  • Sensor: 10 MP

Selfie-Kamera Frontseite:

  • Brennweite: 3.8 mm (entspricht Kleinbild 25 mm)
  • Blende: f/2.2
  • Sensor: 40 MP
Quelle: Samsung

Die drei grossen Linsen links sind in der Reihenfolge von oben nach unten: Ultra-Weitwinkel / Weitwinkel / Grosses Tele. Rechts sitzen der Sensor für Laser-Autofokus (oben) und die kleine Tele-Linse (unten).

Vorinstalliert ist die Samsung Kamera-App mit dem bekannten Interface. Wie Ihr auf dem Screenshot seht, stehen rechts vier Linsen zur Auswahl. Wir gehen dann später noch etwas detaillierter auf die Kamera-App ein.

Zusätzlich kann aus dem Galaxy Store die App ExpertRAW heruntergeladen werden, die auf die Aufnahme von RAW-Bildern spezialisiert ist. Auch auf sie gehen wir in einem der folgenden Kapitel näher ein.

Fotos werden in den Dateiformaten HEIC, JPG oder DNG (RAW) gespeichert. Alle Kameras des S22 Ultra unterstützen die Aufzeichnung von Videos in 4K-Auflösung und 60 Frames pro Sekunde (MP4, Codecs: h.264 / h.265). Zudem beherrschen sie HDR10+, der Ton wird in Stereo aufgenommen. Mit der Hauptkamera sind sogar Videos in 8K möglich, allerdings liegt hier die Framerate bei 24 Bildern pro Sekunde.

Quelle: Samsung

Mit seinem 6.8 Zoll QHD+AMOLED-Display, einer 120 Hz Bildwiederholrate, 12 GB Arbeitsspeicher und einem acht-Kern SOC mit integrierter GPU ist das Galaxy S22 Ultra zweifellos das Smartphone-Flaggschiff des Jahrgangs 2022 aus dem Haus Samsung. Sein Display besticht zudem mit einer maximalen Helligkeit von 1750 Nits. Abgerundet wird die Hardware-Ausstattung des S22 Ultra mit einem Akku, der für einen vollen Tag Leistung bietet. Samsung verspricht zudem vier Generationen an Android-Updates.

Neu für das S22 Ultra ist der integrierte S Pen, den Samsung-Nutzer bisher aus der Note-Serie kannten und der dort zum Alleinstellungsmerkmal avanciert ist. Beim S22 und S22+, deren Displays kleiner sind, wurde auf den S Pen verzichtet.

Wie wir in unseren Reviews auch immer wieder erwähnt hatten, sind in den vergangenen Jahren die Unterschiede zwischen der Note- und der S-Serie immer geringer geworden. Es ist daher nur konsequent, den S Pen im S22 Ultra zu integrieren.
Monk-Trader

Für das Zusammenspiel mit dem S22 Ultra verspricht Samsung einen S Pen mit der bisher geringsten Reaktionszeit. In der Tat fühlt sich die Handhabung zum Notizen machen oder zeichnen sehr natürlich an.

Quelle: Samsung

Mit dem so genannten Air Actions-Feature ist nicht mal mehr notwendig, das Display zu berühren. Mit verschiedenen Gesten kann man Apps starten und durch Inhalte blättern, sofern diese die Art der Bedienung unterstützen. Im Zusammenspiel mit der Kamera-App kann man mit einem Klick auf den integrierten Button die Aufnahme auslösen. Mit Wischgesten ohne das Display zu berühren kann man zwischen Selfie- und den Kameras auf der Rückseite wechseln, zwischen verschiedenen Aufnahme-Modi wechseln oder die Zoom-Funktion nutzen. Der S Pen wird somit zu einer Fernbedienung beim Fotografieren, er wird deshalb im folgenden Erfahrungsbericht auch immer wieder mal auftauchen.

Bildgestaltung mit vier Kameras

Die vier Kameras auf der Rückseite eröffnen jede Menge Möglichkeiten zur Bildgestaltung. Diese wollen wir uns zuerst anschauen, Themen wie Aufnahme-Modi und Datei-Formate lassen wir dabei noch aussen vor. Darauf gehen wir dann in den folgenden Kapiteln ein.

Die vier verschiedenen Brennweiten bieten Möglichkeiten zur Bildgestaltung, die ich bisher von Smartphones nicht gewohnt war.
Archangel

Schauen wir uns zuerst mal ganz nüchtern den Brennweiten-Umfang des S22 Ultra an. Alle vier Aufnahmen haben wir vom Stativ aus gemacht, damit der Blickwinkel für alle Bilder immer gleich bleibt.

Beginnen wir dem Ultra-Weitwinkel (Brennweite: 2.2 mm / Kleinbild: 13 mm)

Weitwinkel (Brennweite: 6.4 mm / Kleinbild: 24 mm)

Kleines Tele (Brennweite: 7.9 mm / Kleinbild: 70 mm)

Grosses Tele (Brennweite: 27.2 mm / Kleinbild: 230 mm)

Zwischen den vier Brennweiten lässt sich nahtlos hin- und herzoomen, wobei die festen Brennweiten natürlich immer die beste Bildqualität liefern. Aus der grossen Tele-Linse heraus lässt sich zudem digital weiter zoomen, und zwar um den Faktor 100. Das sieht dann so aus:

Wenn man das mit dem oberen Bild vom grossen Tele vergleicht, liefert das zwar auf die Distanz gesehen einen unglaublich engen Bildausschnitt, aber die Aufnahme wirkt - selbst vom Stativ aus fotografiert - eher wie ein gemaltes Bild. Trotzdem es auch eindrücklich, vor allem wenn man die Aufnahme mit der Ultraweitwinkel-Kamera als Ausgangspunkt nimmt.

Der maximale Zoom-Faktor ist für mich eher ein Werbe-Gag und zeigt, dass hier die Grenzen der reinen digitalen Ausschnittvergrösserung mehr als ausgereizt werden. Die Frage nach dem realen Nutzen bleibt daher offen.
Archangel

Aber eine andere Erkenntnis ist viel wichtiger: Gezielte Ausschnitte von einem Motiv sind oft reizvoller als “Übersichtsaufnahmen”. Die beiden Tele-Linsen des S22 Ultra eignen sich dafür sehr gut. Ein reizvoller Kontrast dazu ist dann sicher die Ultra-Weitwinkelkamera.

Die kleine Tele-Kamera und das Ultra-Weitwinkel waren dann auch unsere bevorzugten Kameras bei unseren Testaufnahmen. Deshalb haben wir hier eine kleine Auswahl an Bildern mit diesen beiden Kameras zusammengestellt.

Und selbst aus der freien Hand gelingen mit dem grossen Tele Bilder, wie sie sonst mit einem Smartphone unüblich sind. Bei dem engen Bildausschnitt wird es allerdings zur Herausforderung, das Gerät auch ruhig genug in den Händen zu halten bei der Aufnahme. Hier zwei Beispiele:

Der Kamera-App vertrauen

In diesem Kapitel wollen wir primär Software und Algorithmen ihre “Arbeit machen lassen” wie wir es in der Einleitung schon angesprochen hatten. Wir betreten damit die Welt von Multi-Frame-Aufnahmen, HDR und AI-Algorithmen, die im Hintergrund ihre Magie auf das Display zaubern. Es geht ums Fotografieren mit verschiedenen Aufnahme-Modi wie Photo, Portrait, Panorama oder Nacht und Software-basierten “Bildverbesserern” von denen das S22 Ultra ein volles Arsenal bietet. Je nach Modus oder anvisiertem Motiv bietet die Kamera-App Helferlein wie einen Detail Enhancer (nur bei 108 MP Shot) oder einen Focus Enhancer (aktiviert sich bei Nah-Aufnahme) an. In den Settings lässt die generell der Scene Optimizer aktivieren. Für jede Aufnahme kann man dann noch zwischen verschiedenen vorkonfigurierten Filtern wählen.

Das S22 Ultra hält aber noch eine weitere Methode zur Bildverbesserung parat, und die ist eine Kombination aus der Hardware des Bildsensors und der Software. Der Sensor der Weitwinkelkamera verfügt über sagenhafte 108 MP. Trotzdem liegen die abgespeicherten Aufnahmen “nur” in einer Auflösung von 4000 x 3000 vor. Die Technik dahinter heisst Pixel-Binning. Dabei werden mehrere einzelnen Pixel zu einem grösseren kombiniert. Dies führt zu einer besseren Abbildungsqualität, da die grösseren Pixel mehr Licht einfangen können.

Hier noch angekündigt ein paar weitere Eindrücke von der Kamera-App. In der Bedienung ist weniger “nervös” als bei den Galaxy S-Modellen der vergangenen Jahre, d.h. die Gefahr mit einem leichten Vertippen schon in einen anderen Modus zu wechseln ist einiges geringer geworden. Dies macht die Benutzung um einiges angenehmer. Unter “more” findet man neben zusätzlichen Video-Features auch Funktionen wie Single Take und Panorama, auf die wir aber nicht separat eingehen. Single Take erstellt aus einer einzigen Aufnahme ein Set von bis zu 14 verschieden nachbearbeiteten Bildern und Video-Sequenzen.

Bei Nahaufnahmen aktiviert sich unten rechts der so genannte Focus Enhancer.

Im 108 MP-Modus (links aktiviert) steht einem zusätzlich der Detail Enhancer zur Verfügung, der für zusätzliche Schärfe sorgt.

Die Weitwinkelkamera mit ihrem 108MP-Sensor bietet aber auch die Möglichkeit, die volle Auflösung von 12000 x 9000 Pixel auszunutzen. Sie speichert dabei die Aufnahmen als HEIC-Dateien ab, speichern als RAW ist leider nicht möglich. Die Aufnahme ist damit im Vergleich zu 4000 x 3000 neun Mal grösser. Die absolute Dateigrösse in MB im Smartphone-Speicher ist dies jedoch nicht. Das liegt an der so genannten Adaptive Pixel-Funktion, die im Hintergrund zum Einsatz kommt. Die App macht je eine Aufnahme mit 108 MP und mit 12 MP und kombiniert diese in ein fertiges reduziertes Produkt, das zwar einerseits in der vollen Auflösung ausgegeben wird und betreffend Licht und Details immer noch mehr Informationen enthält als eine reine Standard-Aufnahme mit 12 MP.

So, das war jetzt viel über Technik. Wie unsere Aufzählung zeigt, ist das Kamera-System des S22 Ultra vollgepackt mit Hard- und Software-Lösungen, die es zu einem sehr vielseitigen Werkzeug machen. Dies führt für uns als Reviewer hier im Text aber auch zur Gefahr das wichtigste aus den Augen zu verlieren: Die Freude am Fotografieren und den gemachten Bildern.

Und genau dorthin wollen wir jetzt so schnell wie möglich zurückkehren. Wir zeigen Euch hier eine Zusammenstellung von Aufnahmen, die ohne weitere Nachbearbeitung mit dem Photo-Modus der Kamera-App entstanden sind. Wichtig für uns war dabei zu sehen, wie das S22 Ultra bei verschiedenen Motiven die Lichtstimmungen einfängt. Auch der Auto-Fokus hat uns nie im Stich gelassen, er arbeitet immer präzise und schnell.

Nacht-Aufnahmen Nightography

Gelungene Aufnahmen bei Nacht sind Stimmung pur. Sie üben oft auch eine grössere Faszination auf den Betrachter aus als Bilder mit blauem Himmel und Quellwolken. In der Vermarktung des S22 Ultra legt Samsung einen Schwerpunkt auf die Nacht und hat dafür den Begriff “Nightography” kreiert.

Kamera-Hardware und -Software des S22 Ultra sind besonders auf die Aufnahmebedingungen bei Dunkelheit ausgelegt. Die oben beschriebene Pixel-Binning Technik hilft dabei, soviel Licht wie möglich einzufangen, und reduziert dabei auch Rauschen und Körnigkeit.

In der Kamera-App steht dafür den Nacht-Modus zur Verfügung, Bilder werden als JPG gespeichert. Aus unserer Erfahrung kann man sich auf den Nacht-Modus mit gutem Gewissen verlassen, verwackelte Bilder wegen zu langer Belichtungszeit hat er uns keine geliefert, auch der Weissabgleich hat bei farbigem Kunstlicht auch immer gut funktioniert. Die ISO versucht der Nacht-Modus natürlich gering wie möglich zu halten, damit die Aufnahmen nicht grobkörniger als nötig werden. Auch mit ISO 1600 sehen die Bilder aber noch gut aus - und auf dem kleinen Smartphone-Display sowieso. Beim Vergrössern fällt allerdings auf, das die Software je nach Motiv stark mit Weichzeichnung arbeitet, wenn die ISO höher werden. Wir haben Euch hier ein paar “Nightography”-Aufnahmen zusammengestellt.

Es ist schon sehr beeindruckend, Bilder wie diese direkt aus der freien Hand aufzunehmen.

Je nach Motiv hat der Nacht-Modus jedoch eine extrem starke Tendenz zum übermässigen Aufhellen. Beim Bild unten aus der Altstadt sollte es eigentlich stockdunkel sein. Auch die parkierten Velos am Ufer hat man vor Ort von blossem Auge kaum gesehen. So erkennt man zwar mehr Details der abgebildeten Umgebung auf den Bildern, aber die real vorhandene Stimmung beim Zeitpunkt der Aufnahme geht so verloren.

Makro mit 108 MP

Nahaufnahmen sind ein weiterer Motiv-Bereich, den wir uns näher anschauen wollen. Für unsere Aufnahmen haben wir die Weitwinkelkamera verwendet, die mit ihren technischen Besonderheiten gerade zu prädestiniert ist für Nahaufnahmen. Zudem bietet die Kamera-App die Funktionen Detail Enhancer und Focus Enhancer automatisch an. Bei den hier gezeigten Aufnahmen vom Stativ aus, erwies sich der S Pen als ideale Fernbedienung.

Der Detailgrad der Bilder ist recht beeindruckend und mit einer Auflösung von 12000 x 9000 Pixel hat man dann auch genügend “Material” für einen Zuschnitt oder eine Ausschnittvergrösserung mit etwas Nachbearbeitung.

Mit dem S22 Ultra sind uns ein paar Makro-Aufnahmen gelungen wie ich sie bis anhin von einem Smartphone nicht kannte.
Archangel

Die folgenden Makroaufnahmen sind dann aber alle aus der freien Hand entstanden. Auffallend ist, dass die Kamera-App hier bevorzugt niedrige ISO-Werte wie ISO 50 verwendet und des trotzdem schafft, kurze Verschlusszeiten von rund 1/250 zu realisieren. Zusammen mit den Bildstabilisatoren ist damit die Gefahr vom Verwackeln aus der Hand definitiv gebannt. Bei Aufnahmen von Blüten und Pflanzen kann einem dann nur noch der Wind einen Strich durch die Rechnung machen.

Shooting in RAW

Wenn man mit dem S22 Ultra RAW-Bilder aufnehmen will, bieten sich zwei Onboard-Möglichkeiten: Der Pro-Modus der Kamera-App oder die dieses Jahr von Samsung neu lancierte App ExpertRAW. Diese kann kostenlos aus dem Galaxy Store heruntergeladen werden, steht aber aber nur für ausgewählte Smartphone-Modelle von Samsung zur Verfügung.

Auf welche Apps nun die “besseren” RAW-Dateien erzeugt, wollen wir gar nicht erst eingehen - dass soll jeder mit seinen Lieblingsmotiven und seiner bevorzugten Nachbearbeitungs-Software selber herausfinden, was ihm besser liegt. Wichtig ist einfach, dass man die technischen Unterschiede zwischen den beiden Apps kennt. Deshalb verzichten wir auch in diesem Kapitel auf Testaufnahmen.

Wir werden uns gleich das Interface der beiden Apps anschauen, aber der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Apps ist ihre Arbeitsweise beziehungsweise die RAW-Datei, die sie erstellen. Smartphones nehmen typischerweise mehrere Bilder schnell nacheinander auf, die Software kombiniert diese dann in ein optimiertes Bild. RAW-Aufnahmen wie sie der Pro-Modus der Kamera-App von Samsung erstellt, basieren jedoch wie bei der klassischen Fotografie auf einer einzelnen Aufnahme. ExpertRAW funktioniert anders, denn die App erzeugt so genannte Multi-Frame-RAW-Dateien, d.h. auch sie rechnet mehrere Aufnahmen hintereinander in ein RAW-Bild zusammen. So könnte man sie als das Beste aus den zwei Herangehensweise bezeichnen, die wir in der Einleitung erwähnt hatten: sie enthalten eine grosse Datenmenge dank der Serie an einzelnen Aufnahmen und bieten trotzdem die grosse Flexibilität eines RAW in der Nachbearbeitung.

Bei der Bedienung basieren der Pro-Modus der Kamera-App und ExpertRAW auf dem gleichen Grundkonzept, was auch das Hin- und Herwechseln zwischen beiden Apps beim Fotografieren erleichtert. Beide bieten manuelle Einstellungs-Möglichkeiten für Weissabgleich, Fokus, Belichtungskorrektur, Belichtungszeit und ISO als Slider.

ExpertRAW zeigt zudem in der linken Ecke ein Histogramm an und liefert damit mehr Informationen zur Helligkeits- und Farbverteilung.

Wir haben vom Stativ systematische Bilderreihen aufgenommen, um Unterschiede zwischen den DNG-Dateien der beiden Apps zu entdecken. Ein Blick auf die beiden Histogramme in Adobe Lightroom zeigt, das die Bilder sich jeweils deutlich unterscheiden. Man darf jedoch nicht vergessen, das beide Apps mit der gleichen Hardware, also Sensor und Linsen, arbeiten.

Ein anderer Unterschied liegt im Workflow, denn das S22 Ultra bietet: RAW-Bilder aufzunehmen macht nur Sinn, wenn man die Bilder auch nachbearbeiten will. Natürlich kann man dafür die Bilder exportieren, auf dem S22 Ultra direkt bieten die beiden Apps unterschiedliche Workflows. Wir werden im Kapitel zum Thema Nachbearbeitung darauf mehr im Detail eingehen.

Mit welcher App auch immer man fotografiert, wenn man sich mit dem RAW-Fotografie auf Smartphones beschäftigt, laufen einem schnell die drei Buchstaben “P-R-O” über den Weg. Um es kurz zu machen, auf Aussagen wie “fotografieren wie ein Profi”, “deckt die Bedürfnisse von Profis ab” oder “kann eine DSLR ersetzen” haben wir in der Vergangenheit schon immer allergisch reagiert.

Solche Aussagen sind aus unserer Sicht irreführend: “Professionell” ist unserer Ansicht nach keine Messgrösse für Bildqualität, weder rein technisch noch inhaltlich. Für uns heisst der Begriff “professionell”, eine Tätigkeit als Beruf auszuüben und damit den Lebensunterhalt zu verdienen. Da wir nach dieser Definition keine professionellen Fotografen sind, wollen wir uns auch gar nicht erst anmassen zu wissen, was die Anforderungen von Profi-Fotografen an Smartphones sind. Ansprüche und Anforderungen an Bilder sowie Aufnahmesituationen sind vielfältig und es bringt nichts diese in Kategorien pressen zu wollen.

Egal mit welcher (Smartphone-)Kamera man fotografiert, man sollte mit der vorhandenen beziehungsweise bewusst gewählten Kamera immer versuchen ein Resultat zu erzielen, das den eigenen Wünschen, Zielen und Absichten am nächsten kommt.
Archangel

Alles rund um die Ergonomie...

Die Überbetonung von “professionell” blendet aber auch einen weiteren Aspekt aus, auf den wir hier im Anschluss ans Kapitel zum Thema RAW-Fotografie eingehen wollen, da er hier sehr gut passt: es geht um Handling und Ergonomie.

Es ist auf der einen Seite technisch faszinierend, was Apps und Software heute alles möglich machen. Wir wollen aus diesem Artikel keinen Vergleich unter dem Motto “DSLR versus Smartphone” machen, aber hier kommen wir nicht drum herum, einen Vergleich mit DSLR- oder modernen Systemkameras zu ziehen, um unsere Erfahrungen bezüglich der Ergonomie auf den Punkt zu bringen.

Wenn man auf dem Smartphone in einer App Parameter wie Belichtungskorrektur, Belichtungszeit oder ISO manuell verstellen will, ist die Bedienung gelinge gesagt eine Katastrophe, wenn man das Smartphone mit beiden Händen vor sich hält. Hier ist eine Systemkamera mit Body und Objektiv haushoch überlegen. Die Schieberegler, wie man sie auch aus anderen Apps kennt, sind alles andere als präzise zu verstellen. Und dazu kommt der Faktor Zeit: an einer Systemkamera hat man dank der besseren Ergonomie schnell ein paar Einstellungen angepasst, in einer Kamera-App geht das viel länger - oder zu lange wenn man schnell reagieren möchte oder muss.

Ich will den Pro Modus oder ExpertRAW nicht schlecht reden, aber RAW-Fotografie geht für mich Hand in Hand mit Einstellungen anpassen und da steht mir die Ergonomie im Weg.
Archangel

Langzeitbelichtung im Pro-Modus

Als Motiv für dieses kreative Experiment haben wir uns für den Klassiker “Strassenverkehr bei Nacht” entschieden, mit dem Ziel die Lichter der schnell fahrenden Autos einzufangen. Dazu haben wir das S22 Ultra mit einem einfachen Adapter auf ein Foto-Stativ montiert.

Auch hier kam der S Pen wieder als Fernbedienung zum Auslösen zum Einsatz, um das Smartphone auf dem Stativ nicht antippen zu müssen. Für die Aufnahmen haben wir ausschliesslich den Pro-Modus verwendet, da wir über alle Parameter die Kontrolle haben wollten. Da wir hierbei das Smartphone nicht in den Händen halten mussten, war es aus Sicht der Ergonomie einfacher, die Einstellungen auf dem Display vorzunehmen, als im vorangegangenen Kapitel beschrieben. Es bedurfte jedoch etwas experimentieren mit Belichtungszeit und der EV-Korrektur bis wir den Aufnahmen zufrieden waren, bzw. bis die Bilder so aussahen wie vor unseren realen Augen. Auch hier haben wir gegen die Tendenz zum Aufhellen ankämpfen müssen.

Die folgenden Bilder sind die JPG-Aufnahmen des Pro-Modus, die nicht weiter bearbeitet sind. Sie sind alle bei ISO 200 und mit einer Belichtungszeit von 0,5 Sekunden aufgenommen.

Mit diesem Setup haben wir den gewollten Effekt ohne Verwackelung und bei geringer Körnigkeit die Bewegungen vom Strassenverkehr sichtbar zu machen. Die Silhouette der Hochhäuser im Hintergrund ist ebenfalls noch sehr schön sichtbar.

Nacht-Modus versus Pro-Modus

Bilder mit dem Nacht-Modus haben wir Euch ja weiter oben im Artikel bereits gezeigt. Im Laufe unserer Testzeit hat uns interessiert, wie sich die verschiedenen Aufnahme-Modi, also “Photo”, “Pro” und eben “Nacht” bei Dunkelheit voneinander unterscheiden. Denn zwei Faktoren sind bei Nachtaufnahmen besonders wichtig: Rauschen und Körnigkeit werden durch den ISO-Wert bestimmt, die Dauer der Belichtungszeit entscheidet, ob die Aufnahme verwackelt ist oder nicht - den auch Bildstabilisatoren kommen irgendwann an ihre Grenzen.

Um Aufnahmen im Nacht-Modus, im “normalen” Photo-Modus und im Pro-Modus direkt miteinander vergleichen zu können, haben wir das S22 Ultra wieder aufs Stativ montiert.

Die Vergleichsaufnahmen haben wir mit der Weitwinkel-Linse gemacht, um den bestmöglichen Sensor zur Verfügung zu haben. Bei jedem Bild geben wir jeweils ISO und Belichtungszeit an.

Der Nacht-Modus liefert dieses Bild:

Belichtungs-Zeit: 1/13 Sekunde
ISO: 1000

Das folgende Bild ist im Photo-Modus aufgenommen:

Belichtungs-Zeit: 1/25 Sekunde
ISO: 800

Die dritte Aufnahme ist im Pro-Modus entstanden, sie ist im Adobe Lightroom nachbearbeitet, um das Endresultat an die anderen beiden Bilder anzugleichen.

Belichtungs-Zeit: 1/2 Sekunde
ISO: 50

Nach diesem Muster haben wir verschiedene Aufnahme-Reihen mit unterschiedlichen Motiven gemacht. Nacht-Modus und Photo-Modus schenken sich dabei relativ wenig, wobei wir auch hier wieder die Tendenz des Nacht-Modus festgestellt haben, Bilder stärker
aufzuhellen und stärker nachzuschärfen. Mit Werten von ISO 1000 bzw. 800 hält sich die Körnigkeit in akzeptablen Grenzen, auch wenn man die Aufnahmen auf einem grösseren Bildschirm anschaut. Nach unserer Erfahrung muss man sich bezüglich Körnigkeit beim S22 Ultra unterhalb von ISO 1600 keine grossen Sorgen machen.

Einen deutlichen Gegensatz liefert dann wie erwartet der Pro-Modus. Hier haben wir die ISO manuell auf den Wert 50 fixiert um die Körnigkeit so gering wie es nur geht zu halten. Das ist natürlich vor allem besonders schön, wenn man von den Aufnahmen (Ausschnitt-)Vergrösserungen machen möchte. Die Belichtungszeit liegt allerdings bei 0,5 Sekunden, was aus freier Hand auch mit allen Bildstabilisatoren ein weniger gutes Resultat liefern würde.

Bei Dunkelheit findet der Nacht-Modus eine gute Balance zwischen ISO (Rauschen / Körnigkeit) und Belichtungszeit (Verwackeln), so dass man sich auf den Algorithmus verlassen kann. Im realen Leben dürfte man auch eh nur selten ein Stativ dabei haben.
Archangel

Bilder nachbearbeiten

Das Thema Bildbearbeitung auf einem Smartphone wäre für sich gesehen schon ein Thema für einen umfangreichen Blogbeitrag. Wir wollen uns hier deshalb versuchen kurz zu fassen.

Eine Möglichkeit ist es natürlich, die gemachten Aufnahmen auf einen Desktop-Rechner oder Laptop zu exportieren und sie dort in einer entsprechende Software zu bearbeiten. Dies entspricht auch unserem bevorzugten Workflow. Im Zusammenhang mit den HEIC-Aufnahmen des S22 Ultra hatten wir jedoch ein unschönes Problem in Adobe Lightroom Classic. Nach dem letzen Update auf die Version 11.3.1 wurden alle HEIC-Bilder nur noch mit extremen Farbverschiebungen dargestellt, auch die Export-Funktion war betroffen. Als Umweg haben wir deshalb alle HEIC-Aufnahmen ins TIFF-Format konvertiert, um unseren Workflow beibehalten zu können. Offiziell gibt Adobe an, das HEIC-Format nicht zu unterstützen, wenn die Aufnahmen von einem Android-Gerät stammen. Angesichts der Marktanteile von Android wäre es für Adobe höchste Zeit, hier endlich nachzubessern. Das Betriebssystem (macOS 12.4), die Fotos-App und Capture One konnten ohne Darstellungs-Probleme mit den HEIC-Bildern umgehen.

Im Sinne von “Fotostudio in der Hosentasche” bietet das S22 Ultra aber auch recht umfangreiche Bordmittel. Dies sind der Photo-Editor innerhalb der Galerie oder Adobe Lightroom in Verbindung mit ExpertRAW. Google Photos ist ebenfalls vorinstalliert.

Schauen wir uns zuerst den Photo-Editor an, der aus der Galerie aufgerufen wird. Neben den Grundlagen wie Zuschnitt, Filter, Helligkeit, Kontrast und Sättigung bietet der Foto-Editor auch die Möglichkeit, Texte in die Bilder einzufügen.

Wenn man nur mit ein paar Bearbeitungs-Effekten herumexperimentieren will, kann man die veränderten Bilder als Kopie speichern, so bleibt das Original immer erhalten. Umfangreichere Möglichkeiten machen sich die AI-Bildanalyse direkt auf dem Smartphone zu nutzen, so lassen sich beispielsweise Schatten und Reflexionen automatisch erkennen und entfernen.

Auch Effekte wie Schwarzweiss und eine Kontrast-Farbe lassen sich im Handumdrehen realisieren, auch wenn die Erkennung der Objekte nicht so präzise ist.

Wer gezielt die Möglichkeiten der RAW-Fotografie mit ExpertRAW nutzen möchte, kann sehr einfach seinen Workflow nach der Aufnahme in Adobe Lightroom fortsetzen, inklusive der Synchronisation via Creative Cloud. Der Link zum Öffnen der App ist direkt in ExpertRAW integriert, die Lightroom-App muss allerdings separat heruntergeladen werden.

Aber unabhängig welche App man für die Bearbeitung der Aufnahmen verwendet, das S22 Ultra liefert auch hierbei eine sehr flüssige Performance, die kaum Wünsche offen lässt. Zum wichtigen Werkzeug wird beim Thema Nachbearbeitung auch der S Pen, der bei der Bedienung der Apps sehr hilfreich ist.

Fazit

Das Samsung Galaxy S22 Ultra hat uns nicht nur mit seiner technischen Ausstattung begeistert, sondern es hat uns vor allem Lust darauf gemacht, kreativ zu sein und neue Wege in der Smartphone-Fotografie zu gehen. Es hat uns Freunde gemacht, dass S22 Ultra als Kamera zu verwenden, aber auch mit seinen übrigen Smartphone-Funktionen zeigt es im Alltag, was alles in ihm steckt.

Wer will, kann mit dem Samsung Galaxy S22 Ultra seinen gesamten Workflow vom Aufnehmen, Bearbeiten und Veröffentlichen und Teilen abbilden. Die Ausstattung mit dem S Pen, dem hochwertige Display und ausreichender Rechenpower sowie den vier Kamera-Linsen auf der Rückseite, verschiedenen Apps und viel Software für Computational Photography machen das S22 Ultra in der Tat zum “Fotostudio in der Hosentasche”. Das Veröffentlichen und Teilen beherrscht es als Android-Smartphone mit 5G-Konnektivität sowieso.

Wenn man sich darauf einlässt mehr mit manuellen Einstellungen zu arbeiten, eröffnen sich im Pro-Modus oder mit ExpertRAW ganz neue kreative Möglichkeiten. Am meisten Sinn macht dies aus unserer Sicht für alle, die Zeit und Energie in die Nachbearbeitung ihrer Aufnahmen investieren wollen. Im Gegensatz zu früheren Smartphone-Reviews haben wir mit dem S22 Ultra auch Sachen gemacht, die wir vor ein paar Jahren nur mit einer DSLR gemacht hätten. Smartphone und Stativ war für uns offen gesagt eine neue Erfahrung. Schade ist dabei nur, dass der Geräte-Typ Smartphone beim Fotografieren im Pro-Modus an die Grenzen seiner Ergonomie kommt.

Wenn man das S22 Ultra hingegen primär nach dem Ansatz “die Kamera-App ihre Arbeit machen lassen” nutzt, erhält man insbesondere bei Lichtstimmungen wie Dämmerung und Nacht auf jeden Fall Ergebnisse, die sehr beeindruckend sind. Hier sieht man auch wortwörtlich, dass es im Bereich Smartphone-Fotografie nach wie vor eine spannende Weiterentwicklungen gibt, während die Geräte-Kategorie an sich doch eher als “ausentwickelt” zu Betrachten ist. Das Zusammenspiel zwischen immer leistungsfähigeren Bild-Chips und der Algorithmen-basierenden Bildbearbeitung während und nach der Aufnahme bleibt auch in Zukunft spannend. Gerade beim Thema Nacht-Aufnahmen sieht man diese Entwicklung besonders gut.

Das S22 Ultra ist in mit den Speichergrössen 128 GB / 256 GB / 512 GB und 1 TB erhältlich. Bei den Gehäusefarben kann man aus Burgundy, Phantom Black, Phantom White und Green auswählen. Im Online Store von Samsung werden zudem exklusiv die Farben Graphite, Light Blue und Red angeboten. Im Lieferfang ist ein USB-C-Kabel enthalten, jedoch kein Netzteil.

Eine Zusammenstellung weiterer Aufnahmen mit dem S22 Ultra findet Ihr in unserem separaten Galerie-Beitrag.