Ein paar Gedanken zu Halo: Nightfall

Von Hitzestau - 19.01.2015

Inhaltsverzeichnis

Autor: Archangel

Letzten November haben wir uns auf Halo: Nightfall, die zweite Live-Action Serie aus dem Halo-Universum gefreut. Die erste Episode war mit der Veröffentlichung der "Halo: The Master Chief Collection" im Halo Channel verfügbar. Der Einstieg war recht vielversprechend – doch die zweite Episode eine Woche später war eine herbe Enttäuschung. Wir haben uns deshalb entschieden zu warten, bis alle fünf Episoden verfügbar waren, um die ganze Serie am Stück zu schauen. Wir wollen hier kein Review zu jeder einzelnen Episode veröffentlichen, sondern unsere Gedanken zur Serie als Ganzes zusammenfassen.

Spoiler-Warnung: Auch wenn wir den Plot nicht nacherzählen, greifen wir natürlich Ereignisse und Entwicklungen aus allen fünf Episoden auf.

Best of Sci-Fi...

Schon beim Schauen der ersten Episode wird man dauernd an Storyelemente oder den Look aus bekannten Sci-Fi- Filmen und TV-Serien erinnert. Dieser Eindruck setzt sich auch über die zweite Episode hinweg fort und lässt einen nicht mehr los bis am Schluss.

Das erste was man von Halo: Nightfall nach dem Haupttitel sieht, ist ein sonnendurchfluteter Raum in einem Wolkenkratzer mit Blick auf die Skyline einer Stadt – die Einstellung erinnert an die Szenen aus "Blade Runner" im Büro der Tyrell Corporation. Danach folgt eine Texteinblendung, welche ein paar Informationen zum Setting der Serie liefert. Texte sind ein oft verwendetes Mittel, das ist nicht der Punkt: Einzelne Elemente ähneln einfach zu sehr der Eröffnung von "Star Trek: Voyager". In beiden Szenarien gibt es einen Friedensvertrag zwischen ehemaligen Konfliktparteien und an beiden Orten kommt es zu Vertragsverletzungen und Scharmützeln.

"Blade Runner" begegnet uns in der ersten Episode gleich nochmals in den Strassen der Stadt auf Sedra. Es ist dunkel, es regnet und die Stimmung ist gedrückt. Wie weit diese Ähnlichkeiten mit der Beteiligung von Ridley Scott an der Serie zu tun haben, können wir natürlich nicht genau bestimmen.

Covenant Tug auf Sedra. Quelle: 343 Industries

Auch bei den unweigerlich auftauchenden Infektionen und Würmern hat man sich aus dem Fundus früher Sci-Fi-Produktionen bedient. Die Krankheit, welche auf der Kolonie durch den Anschlag verbreitet wird, ähnelt dem Assimilationsprozess der Borg aus "Star Trek: First Contact" und die Viecher auf dem Teilstück des Halo-Rings sehen aus wie die Goa’uld aus "Stargate SG-1".

Klar gibt es immer zwei Seiten, solche Ähnlichkeiten zu betrachten – als simples "Kopieren", weil man keine eigenen Ideen hat oder als "Hommage" an grosse Vorbilder, weil man weiss, was dem potentiellen Zuschauer schon mal gefallen hat. Das mag ein Stückweit auch auf die Skyline der Kolonie auf Sedra zutreffen. Einzelne Hochhäuser sind stark inspiriert von bekannten, real existierenden oder sich in Planung befindlichen Gebäuden: unschwer erkennt man unter anderem die "Gurke" von London, den Roche-Tower aus Basel oder die "Dubai Towers".

Fairerweise sollte man den Produzenten zu Gute halten, dass es nicht bei jedem Detail möglich ist, für eine neue Produktion das Rad quasi neu zu erfinden. Wo man sich auf jeden Fall grosse Mühe gegeben hat, ist bei der Wahl der Drehorte.

Locations

Drehorte wie das "Titanic Quarter" in der nordirischen Stadt Belfast oder Island machen Halo: Nightfall mal von den Locations her bemerkenswert. Belfast generell und insbesondere das "Titanic Quarter" sind für internationale Produktionen sehr unverbrauchte Locations. Das "Titanic Quarter" ist ein Neubauviertel auf dem ehemaligen Hafengelände der "Harland and Wolff"-Werft, wo unter anderem die Titanic gebaut wurde. Für die Aussenszenen wie auch die Innenaufnahmen in der Mall liefern die Gebäude des "Titanic Quarter" genau die richtige Mischung aus "futuristisch" und "realistisch".

Filmtechnisch gesehen, ist das "Titanic Quarter" zudem kein unbeschriebenes Blatt – auf dem Gelände befinden sich auch die Filmstudios, in denen die Innenaufnahme zur Serie "Game of Thrones" gedreht werden.

Aufwendige Dreharbeiten auf Island. Quelle: 343 Industries

Auch Island sieht man eher selten in Film- oder TV-Produktionen. Die Insel mit ihren Lavafeldern und kargen Bergen bietet Landschaften, die so völlig anders sind, als was einem aus dem eigenen Alltag vertraut ist. So gesehen die ideale Location für fremdartige Planetenoberflächen, die sich wirklich von den (zu) oft gesehenen Drehorten im Grossraum Los Angeles abhebt. Da ein Grossteil der auf Island gedrehten Szenen im Dunklen oder bei Sonnenaufgang spielt, sieht man leider wenig von den aussergewöhnlichen Landschaften, die Island zu bieten hat. Viele Einstellungen wurden als Nahaufnahmen mit Fels und Geröll im Hintergrund gedreht – so wirkt Island als Location ziemlich verschenkt.

Charaktere und Dialoge

Von Anfang an zieht Halo: Nightfall den Zuschauen in innere Charakter-Konflikte, die man ohne umfangreiches Hintergrundwissen über das Halo-Universum nicht verstehen kann. Randall Aiken, Offizier der Kolonial-Truppen von Sedra, wird von seinen Erinnerungen an seine Zeit als Mitglied des Spartan II-Programms gequält.

Colonel Randall Aiken. Quelle: 343 Industries

Am Schluss der fünften Episode findet er Erlösung, als er sich für die Anderen und das Gelingen der Mission opfert. Seine Gedanken kommentieren die Handlung aus dem Off, es ist offensichtlich, dass Aiken einen Todeswunsch hat. Seine letzten Gedanken sind an den anderen Hauptcharakter, Commander Locke vom ONI (Office of Naval Intelligence) gerichtet: "Wie möchtest du sterben, Locke? Und wofür?"

Locke wird als Führungs-Offizier seiner Truppe eingeführt, der gut mit Konflikten innerhalb von seinem Team umgehen kann, auch wenn er das Auseinanderbrechen am Schluss nicht verhindern kann. Locke soll in Halo 5: Guardians wieder auftauchen, wobei in der Serie kein Hinweis oder eine Überleitung geschaffen wurden.

Lieutenant Commander Jameson Locke und Macer. Quelle: 343 Industries

Abgesehen von Locke und Aiken bleiben die andere Charaktere sehr eindimensional und hölzern. Die Dialog-Sequenzen sind voll von pseudo-bedeutungsschwangeren Texten, aber vielleicht ist dies ja auf den Sauerstoffmangel in der Atmosphäre des Halo-Rings zurückzuführen und die Autoren haben dies bewusst so getextet.

Story

Genau wie bei den Charakteren, wird auch bei der Story einiges an Hintergrundwissen aus dem Halo-Universum vorausgesetzt. Wer Halo nicht oder kaum kennt, erlebt eine oberflächliche Story, in der ein Spezialeinsatz-Kommando einen gefährlichen Auftrag erledigen muss und nicht alle nach Hause zurückkehren. In den Episoden 2-5, die auf der Oberfläche des Halo-Rings spielen, wird viel Zeit mit Herumklettern in Felsen verschenkt, die effektive Handlung lässt sich für jede Episode mit zwei Sätzen zusammenfassen.

Quelle: 343 Industries

Eine dünne Standard-Handlung ist das eine – die letzte Episode lässt den Zuschauer mit vielen Fragen zurück, die nicht beantwortet werden. Was ist jetzt mit der Kolonie nach dem Angriff? Es wurde in der ersten Episode ein grosses Setting eröffnet, auf welches am Schluss kein Bezug mehr genommen wird, das ist sehr unbefriedigend. Auch andere Fragen lässt das Drehbuch offen: Wieso wurde der Abbau des tödlichen Elements auf dem Halo-Fragment erst jetzt bemerkt? Wieso gibt es auf Sedra kein zweites Einsatzkommando, das für eine mögliche Rettungsmission bereitsteht? Wieso können Soldaten, die eine Elite-Ausbildung durchlaufen haben, nicht besser mit Stresssituationen umgehen?

Ausstattung und Effekte

Ein Lob muss man den Machern hingegen aussprechen, was die Ausstattung von Halo: Nightfall angeht. Die Waffen und andere Ausrüstung der Soldaten sieht sehr gut aus. Leider gibt es ein paar einzelne Sequenzen, in den die digitalen Effekte nicht überzeugen.

Die Helme sind von Innen beleuchtet. Quelle: IGN

Präsentation

Die Präsentation der Serie ist wiederum ein Punkt, der es uns als Zuschauer alles andere als einfach gemacht hat, den Zugang zur Serie zu finden. Der Pilot bietet einen runden Einstieg, der Appetit auf mehr macht. Die folgenden Episoden bietet jeweils rund 17 Minuten Handlung, der Rest ist gefüllt mit Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse, dem Abspann und einer Preview auf die nächste Episode. Da die Handlung nur in kleinen Schritten vorwärts geht, ist – etwas zugespitzt formuliert – die Episode zu Ende, bevor es richtig losgegangen ist. Auf dieser Basis eignet sich Halo: Halo: Nightfall nicht für das Schauen Woche für Woche – aber da die Serie jetzt ja komplett im Halo Channel verfügbar ist, empfehlen wir alle Episoden am Stück zu schauen.

Fazit

Halo: Nightfall liess uns als Zuschauer enttäuscht zurück. Die Macher haben sich zwar um Locations, Ausstattung und Effekte bemüht, aber vergessen, dass es überzeugende Stories und Charaktere braucht, um eine gelungene Serie zu machen. Der Einstieg ist wie gesagt, gut gelungen, der Rest wirkt, als wären während der Produktion sehr schnell Geld und Kreativität ausgegangen. Das Ende ist willkürlich abgeschnitten, als wäre die Serie kurzfristig gekürzt worden und die Autoren konnten die ursprünglich geplante Geschichte nicht zu Ende erzählen.

Quelle: 343 Industries

Zwar stellt das in der ersten Episode aufgetauchte Fragment von Installation 04 einen Link zur Halo-Geschichte her, am Ende fehlt dieser jedoch komplett. Es gibt keinen Ausblick auf Halo 5: Guardians. Der Zuschauer wird in einer depressiv wirkenden Atmosphäre zurückgelassen, mit der Frage von Aiken aus dem Off "Wie möchtest du sterben, Locke? Und wofür?". So beendet man keine Serie oder schafft einen Spannungsbogen zu etwas Kommendem, in diesem Fall der neue Halo-Titel. So stösst man Zuschauer nur vor den Kopf.