Weekly - Corona offenbart Nachholbedarf bei Digitalisierung

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Corona offenbart Nachholbedarf bei Digitalisierung

Von Archangel - 18.08.2020

Als Datenträger sollte Papier im Jahre 2020 endgültig ausgedient haben. Das Datenchaos rund um die Testergebnisse von Corona-Infizierten zeigt jedoch, dass die Digitalisierung immer noch an vielen Orten alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist.

Papier vollbringt Wunder - Tote werden wieder lebendig. Eine an einer Covid-19-Infektion verstorbene Person in der Schweiz entpuppte sich letzte Woche als Panne in der Bürokratie. Doch halt, eigentlich ist die Lage zu ernst, um lockere Sprüche zu klopfen. Medienberichte wie beispielsweise von blick.ch über Probleme beim Contact Tracing haben mich aufgeschreckt: Immer wieder ist von “Formularen” die Rede, welche falsch, ungenau oder gar nicht ausgefüllt worden sind. Das alles führt schlussendlich zu Fehlern bei der Verarbeitung und Analyse der Daten.

Ich musste ein paar Artikel lesen, bis ich mir sicher war. Das unvorstellbare scheint tatsächlich wahr zu sein. Mit “Formular” sind hier nicht Eingabe-Masken im Browser oder einer App gemeint - nein, wir reden tatsächlich von Papier, Bleistift, Kugelschreiber und Fax.

Von: ldutko
Formulare werden mühsam von Hand ausgefüllt
Quelle: Shutterstock

Was Experten und Insider berichten, liest sich wie eine Aneinanderreihung von Horror-Szenarien: Daten können nicht schnell genug verarbeitet und ausgewertet werden, sie stehen bei den Contact Tracern nicht überall zur Verfügung oder müssen sogar erst mühsam beschafft werden. Was auf Papier und per Fax eintrifft, ist unter Umständen unleserlich und muss erst von Hand am Bildschirm abgetippt werden, sofern es die vorhandenen IT-Kapazitäten überhaupt zulassen.

Ich will mir hier nicht anmassen, alles besser zu können und von Anfang an alles richtig zu machen. Aber bei jedem Artikel, den ich zum Thema lese, kommen mir sofort zwei Schlagworte in den Sinn: Cloud und Digitalisierung. Doch scheinbar lebe ich in einer anderen Welt als Behörden und Ämter. Die tägliche Anzahl der Neuinfektionen auf Twitter zu stellen ist für sich genommen noch kein digitalisierter Prozess, das ist nur zeitgemässe Kommunikation. Mein Bauchgefühl sagt mir jedoch, dass dafür heimlich immer noch ein Fax-Abruf angeboten wird.

Datenübermittlung per Fax
Quelle: Shutterstock

Wenn alle Daten von Anfang an digital erfasst werden, können sie anschliessend einfach ausgewertet werden und Behörden, Contact Tracern und allen anderen, die darauf zugreifen müssen zur Verfügung stehen. Dies ist Voraussetzung um infizierte Personen schnell in Quarantäne zu schicken und die Pandemie einzudämmen.

Nicht vorhandene IT-Systeme oder Probleme beim Datenaustausch und der Kompatibilität werden oft als Ursache für das Chaos genannt. Dies kann ich als Gründe für das herrschende Durcheinander nicht gelten lassen, denn es gibt Unternehmen wie Amazon Web Services oder Microsoft Azure. Sie stellen Rechenleistung und Speicherplatz in der Cloud zur Verfügung. Alles was es braucht um darauf zuzugreifen, ist ein Internetanschluss. Natürlich braucht es dann immer noch Entwickler, welche die benötigen Anwendungen und Eingabemasken bereitstellen.

Aber warum wird das nicht gemacht? In Sonntagsreden wird die Digitalisierung als unabdingbar für eine erfolgreiche Wirtschaft in der Zukunft angepriesen und sie soll auch im privaten Alltag oder im Umgang mit Behörden alles vereinfachen. Das Schlagwort hierzu lautet E-Government. An den Schweizer Digitaltagen feiert man sich Jahr für Jahr selber. Doch eben: Das sind alles Schönwetter-Szenarien, die Realität besteht aus dunklen Wolken und Hagelwetter.

In der Schweiz nennen wir es “Kantönligeist”. Aber auch in anderen Ländern sitzen Personen in Behörden, die aus Misstrauen und Angst vor Verlust von Kontrolle und Einfluss mit aller Kraft versuchen den digitalen Wandel auszubremsen. Cloud-Dienste würden alles bieten was es braucht: digital, zentral und schnell verfügbar lautet mein ans BAG adressierter Kurz-Werbespot. Und wer jetzt Datenschutz ruft, dem kann ich nur entgegnen: Alle grossen Cloud-Provider sind nach internationalen, nationalen und branchenspezifischen Richtlinien zertifiziert. Keiner der grossen Anbieter kann es sich leisten, mit ihm anvertrauten sensiblen Daten nicht gesetzeskonform umzugehen.

Auch eine Meldung von den Basler Verkehrsbetrieben BVB vor ein paar Wochen hat bei mir nur Verwunderung ausgelöst. Dort können Messdaten vom Zustand des Schienennetzes nicht ausgewertet werden, weil eine zentrale Speicherung der Daten fehlt und neue IT-Lösungen nicht vorhanden sind (Artikel nur im Abo zugänglich). Auch hier: schon mal was von Cloud gehört?

Aber zurück zum BAG, allen kantonalen Behörden und Corona: Für diesen Level an Inkompetenz habe ich kein Verständnis. Die technischen Grundlagen für Lösungen sind schon seit Jahren vorhanden, man muss sie nur rechtzeitig implementieren. Das gehört genauso zur Vorsorge wie die Einlagerung von Schutzmasken oder Konservendosen. Die Corona-Pandemie sollte ja angeblich einen Schub für die Digitalisierung auslösen. Wobei genau genommen hätte dieser schon lange vor Corona stattfinden sollen. Nun legt die Pandemie schonungslos offen, wo es klemmt: An den Schulen, beim Home-Office und erst recht bei den Behörden. Gesellschaftliche und politische Fragen, wie etwa der Zugang zu digitalen Leistungen für finanziell schlecht gestellte Menschen, müssen nun schnell beantwortet werden.

Gestern Montag hat das BAG nun reagiert und angekündigt, man wolle Ärzte und Spitäler vermehrt auffordern, ihre Daten digital zu übermitteln. Die Medienberichte machen aber auch deutlich, dass die Verantwortung zwischen BAG und den Ärzten hin- und hergeschoben wird. Das BAG betont, die Möglichkeit der digitalen Übermittlung würde bereits bestehen und man hätte bisher den Ärzten und Spitälern die Wahl gelassen, wie sie ihren Daten übermitteln wollten. Der Präsident der Zürcher Ärztegesellschaft hält dem wiederum entgegen, das BAG sei nicht in der Lage digitalisierte Daten entgegenzunehmen und zu verarbeiten. Ärzte müssten mühsam Zettel ausfüllen und dann einscannen oder faxen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Anspruch und Wirklichkeit klaffen beim Thema Digitalisierung weit auseinander. Sicher ist meiner Meinung nach nur eins: Beim gegenwärtigen Stand der Dinge würden wir die Apokalypse verpassen, weil am Wochenende keiner das Papier im Faxgerät nachgefüllt hat.

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