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Apple iPadPro 9.7 bringt Werkzeugset mit Pen und Tastatur

Von Hitzestau - 02.06.2016

Inhaltsverzeichnis

Ein iPad ist wie eine universelle Werkzeug-Box. Apple hat sein Tablet mit 9.7 Zoll Displaydiagonale überarbeitet und ihm im Namen den Zusatz "Pro" verpasst. Wir stellen den jüngsten Spross von Apple’s Tablet-Familie in einem zweiteiligen Erfahrungsbericht vor. Zu den grössten Neuerungen gehört die Bedienung mit dem Stift, dem Apple Pencil. Das 9.7-Zoll iPad ist das zweite "Pro"-Tablet von Apple, sein grosser Bruder bietet eine Displaydiagonale von 12.9 Zoll und wurde im vergangenen Herbst vorgestellt.

Design und Display

Bleiben wir zuerst bei den Äusserlichkeiten und dem Display. Klar, es ist ein iPad und damit ist eigentlich zum Design schon sehr viel gesagt. Haptik und die Verarbeitung sind wie bei den Vorgängermodellen sehr gut, der Smart Connector ist am Rand kaum spürbar, wenn man das iPad in dem Händen hält. Nicht ganz so schön gemacht ist die Kante, wo der Antennenstreifen auf den Rand trifft. Dort spürt man sehr gut den Übergang vom Glas des Displays zum Metall-Body, beziehungsweise die Antennenstreifen selbst.

Quelle: Apple

Runds ums Display gibt es die wichtigsten Neuerungen: Für die Farbdarstellung setzt Apple zum ersten Mal die True Ton-Technik und es ist besser entspiegelt. Zudem ist das Display in der Lage, auf die Bedienung mit dem Apple Pencil zu reagieren.

Die Oberfläche aus Glas fühlt sich dabei etwas weniger rutschig an als beim iPad Air 2, man gleitet etwas weniger gut drüber mit dem Finger. Was jedoch sehr schnell auffällt ist, dass das iPad Pro 9.7 extrem gut entspiegelt ist und wirklich nur noch wenig Reflexionen beim Betrachten stören. Auch punkto Helligkeit erreicht das Display nochmals eine Verbesserung gegenüber früheren Modellen. Es handelt sich ebenfalls um ein Retina-Display mit einer Auflösung von 2048 x 1536 Pixeln bei einer Pixeldichte von 264 ppi. Damit ist insbesondere das Schriftbild gestochen scharf.

Bei der Darstellung der Farben wartet das iPad Pro 9.7 mit einer Neuerung auf, die auch im 12.9-Zoll Modell nicht zu finden ist: Das True Tone Display funktioniert ähnlich wie ein Weissabgleich beim Fotografieren. Die Farbdarstellung sowie die Intensität passen sich der Umgebung an. Die geschieht mit Hilfe von Umgebungslichtsensoren. Es macht einen Unterschied, ob man unter grellem Neonlicht steht oder neben einer warmen Nachtischlampe. Dies kann man schon beobachten, wenn man ein Buch oder eine Zeitschrift liest – die Farben sehen nie ganz gleich aus. Die True Ton Technik versucht dies auszugleichen. Auch das Farbspektrum des Displays wurde im Vergleich zum iPad Pro 12.9 vergrössert, es kann viel mehr unterschiedliche Farben als vorher darstellen. Als erstes iPad verfügt es jetzt über dasselbe Farbspektrum wie die 4K- und 5K-iMacs mit Retina Display.

Wir haben mit der True Ton-Technik sehr positive Erfahrungen gemacht: Generell sind die Farben wärmer, wenn man True Ton nicht aktiviert hat, wirkt das Display kühl und etwas blaustichig. Gerade wenn man das iPad länger am Stück benutzt, ist das für die Augen sehr angenehm und weniger ermüdend.

Die True Ton-Funktion darf man nicht verwechseln mit dem Nightshift-Modus, der einen ähnlichen Effekt auf die Darstellung des Display hat, aber ein Feature von iOS 9 ist und somit auch auf anderen iPads und dem iPhone zur Verfügung steht.

Quelle: Apple

Auch klanglich macht das iPad Pro 9.7 einen guten Eindruck. Gegenüber dem iPad Air 2 hat Apple das Sounddesign komplett überarbeitet. Insgesamt besitzt das iPad Pro 9.7 vier Lautsprecher, die dem Klang ein gutes Raumgefühl geben, aber keinen Surround-Sound produzieren. Wenn man einen Film schaut und das iPad vom Quer- ins Hochformat dreh, hört man tatsächlich, wie die hohen Frequenzen (also zum Beispiel gesprochener Dialog) immer aus den beiden Speakern kommt, die gerade oben sind. Das Vibrieren des Display bei kräftigen Basstönen wurde stark reduziert, wie es noch beim iPad Air 2 der Fall war.

Hardware

Bei den inneren Werten ist das iPad Pro 9.7 technisch auf der Höhe der Zeit. Genauso wie der grosse Bruder verwendet es den neuesten Chip von Apple, den A9X. Dieser arbeitet in der bewährten Kombination mit dem M9-Koprozessor, der für die Verarbeitung der Sensorendaten zuständig ist. Der Arbeitsspeicher ist 2 GB gross.

Die Kamera des iPad Pro 9.7 hat einige der technischen Weiterentwicklungen vom iPhone 6s übernommen, ohne jetzt zu behaupten, Apple würde hier dasselbe Kamera-Modul verbauen. Eckdaten wie 12 Megapixel-Auflösung bei einer Blende von f/2.2, Live Photos, True Tone Flash und verbesserte Stabilisierung bei Videoaufnahmen findet man auch aktuellen iPhone-Modell. Etwas unpassend ist jedoch, dass im Gegensatz zum 12.9-Zoll Modell, die Kamera auf der Rückseite hervorsteht. Damit liegt das 9.7 nicht ganz plan auf der Tischoberfläche. Kompensieren kann man dies nur, wenn man eine Schutzhülle verwendet.

Die Akkulaufzeit gibt Apple mit 10 Stunden an. Nach unserer Alltagserfahrung muss das iPad Pro 9.7 jedoch sehr oft aufgeladen werden, was natürlich auch von der Nutzung und der eingestellten Display-Helligkeit abhängig ist. Aufladen lässt sich der Akku mit dem beiliegenden Netzteil.

Beide iPad Pro-Modelle geben einen Blick in die Zukunft der SIM-Karten. Auch im iPad Pro 9.7-Zoll steckt eine fest verbaute so genannte eSIM ("embedded SIM"). Bei Apple heisst sie "integrierte Apple-SIM". Zudem kann man aber auch eine konventionelle Nano-SIM verwenden. Dank der eSIM kann man direkt auf dem iPad ein Datenpaket für das mobile Surfen kaufen. Leider wird dieses System noch nicht von sehr vielen Mobilfunkprovidern unterstützt.

Bedienung mit Pencil und Keyboard

Mit der Möglichkeit der Bedienung per Stift hat Apple einen lange gehegten Wunsch vieler Anwender – uns eingeschlossen – erfüllt. Stifte von Drittherstellern liessen sich schon mit früheren iPad-Modellen verwenden, doch diesen mangelte es häufig an Präzision oder sie liessen sich nur mit bestimmten Apps verwenden, was die Anwendungserfahrung ziemlich trübte. Als Zubehör zum 12.9- und zum 9.7-iPad Pro hat Apple einen eigenen Stift, den Apple Pencil, lanciert.

Auch externe Tastaturen von Apple und anderen Herstellern konnte man schon früher per Bluetooth mit einem iPad verbinden. Das Smart Keyboard wurde von Apple explizit für die iPad Pro-Linie entwickelt.

Quelle: Apple

Schauen wir uns im Folgenden die beiden Eingabegeräte etwas näher an.

Apple Pencil

Für das erste Gerät mit Touchdisplay bräuchte es nur "the best pointing device in the world" – den menschlichen Finger, erklärte Steve Jobs vor rund neun Jahren als er 2007 das erste iPhone vorstellte. In der Tat hat Apple damals eine Revolution losgetreten, wie wir mit Mobil-Geräten interagieren. Auf die Frage nach einem Pen oder Stylus für das iPhone erntete er damals viel Gelächter im Saal. Für die kleinen Smartphone-Displays mag er damit auch bis heute recht behalten haben, aber grössere Displays ermöglichen auch andere Anwendungen, die sich mit einem Stift besser bewerkstelligen lassen.

Quelle: Apple

Die Kombination Apple Pencil und iPad Pro ist das beste Team, das wir seit langem gesehen haben. Viele Hersteller haben sich schon daran versucht, konnten jedoch nie den Level von Integration hinbekommen. Gerade für Zeichnen, Skizzieren und das Festhalten von Ideen ist die Kombination Stift + Tablet sehr praktisch. Aber da das reibungslose Zusammenspiel zwischen Stift und iPad bisher nicht gegeben war, konnten wir das iPad früher dafür nicht so einfach nutzen. Mit dem iPad Pro und dem Apple Pencil hat sich dies jedoch erfreulicherweise geändert. Im Gegensatz zu anderen Stiften hat Apple es geschafft, den Versatz zu minimieren – trotzdem fühlt es sich immer noch anders an, als wie wenn man auf richtigem Papier zeichnet oder schreibt, aber es kommt dem sehr nahe.

Quelle: Apple

Der Apple Pencil selbst ist sehr glatt, mit seinem Gewicht liegt er gut in der Hand. Er ist komplett rund und lässt die abgeschrägten Kanten wie man es von einem Bleistift her kennt, vermissen. Er hat keine Knöpfe wie man es beispielsweise von Wacom-Stiften gewöhnt ist. Auch das andere Ende als Radierer zu benutzen, funktioniert nicht. In der Handhabung ist er etwas fummelig und nicht ganz Apple-typisch: Die Schutzkappe am oberen Ende sitzt nicht sehr satt und zum Aufladen via Lightning-Kabel muss man einen kleinen Adapter aufstecken, der schnell mal verloren gehen oder zu Hause vergessen werden kann, wenn man unterwegs ist. Auch die Möglichkeit den Pencil direkt in den Lightning-Konnektor des iPad Pro einzustecken wirkt etwas abenteuerlich, da hier die Gefahr des Abbrechens und somit eines Defekts des Konnektors einfach zu gross scheint. Die Verbindung zum iPad Pro wird via Bluetooth hergestellt, meistens ist sie sehr stabil, kann aber auch ganz selten mal verloren gehen.

Smart Keyboard

Das Smart Keyboard ist Teil der Schutzhülle des iPad Pro und somit immer dabei. Gleichzeitig schützt es das Display. Um die Tastatur zu benutzen, kann man das iPad Pro schräg aufstellen.

Quelle: Apple

Auf Grund der von Apple gewählten Konstruktion kann das iPad Pro nur in einem Neigungswinkel aufgestellt werden, was nicht immer optimal ist. Die Tastatur selber kann nicht angewinkelt werden. Die Tasten selber sind sehr eng beieinander und fühlen sich im Anschlag sehr hart an, deshalb empfiehlt es sich, nicht auf die Tasten einzuhämmern. Das Keyboard bietet nicht die gewohnte Apple-Mechanik einer Tastatur, auch vom Look her ist sie eigenständig. Zudem ist sie mit einer durchgehenden Gummierung komplett abgedichtet gegen Flüssigkeiten und Dreck.

Die Tastatur ist bis heute nur im US-amerikanischen Tastatur-Layout verfügbar. Wer auf Sonderzeichen oder Umlaute angewiesen ist, ist dadurch im Nachteil. Die Funktion, die A-, O- oder U-Taste länger gedrückt zu halten um den Umlaut aufzurufen, kennt man von der Display-Tastatur, das Smart Keyboard beherrscht diese jedoch nicht. Das Fehlen der Umlaute ist die grösste Hürde bei der Benutzung der Tastatur, da diese in der deutschen Sprache einfach zu oft vorkommen.

Die Tastatur ist primär für kurze Texte wie E-Mails, Notizen oder Stichworte in einer Präsentation gedacht.  Da die Tasten nicht beleuchtet sind, kann es etwas schwierig sein, bei schwachem Umgebungslicht mit ihr zu arbeiten.

Mit der Einführung des Smart Keyboard gibt es nur noch zweiteilige Schutzhüllen für das iPad Pro 9.7. Anstelle des Smart Keyboard kann man auch ein Smart Cover verwenden, um das Display zu schützen. Für das Tablet selber gibt es das Silikon Case, welches die Rückseite und den Rand schützt. Für den Smart Connector, mit dem die Tastatur verbunden wird, ist jedoch ein recht breiter Rand freigelassen worden, was nicht so schön aussieht und beim Benutzen ohne Keyboard auch etwas störend ist.

Quelle: Apple

Fazit

Das iPad Pro 9.7 ist ein iPad durch und durch. Die augenfälligste Weiterentwicklung hat das Display erfahren: Es überzeugt durch seine Schärfe, Farbwiedergabe und extrem gute Entspiegelung, auch wenn man jeden Fingerabdruck darauf sieht. Die neuen Technologien wie True Ton, das verbesserte Farbspektrum sowie die Helligkeit sind nicht zu übersehen und eine Wohltat für die Augen.

Der Arbeitsspeicher ist mit 2 GB etwas knapp bemessen. Auch um den "Pro"-Aspekt zu unterstreichen, hätte Apple hier durchaus mehr verbauen dürfen. Gerade mit dem "Pro"-Anspruch von Multitasking und Splitscreen-Anwendungen hätte auch dem iPad Pro 9.7 mehr Speicher gut getan. Selbst in manchen Smartphones wird heute mehr Arbeitsspeicher verbaut. Gerade für Anwender, welche ihr iPad über mehrere Jahre benutzen möchten, könnte dies zur Achilles-Ferse werden. Wir selber haben es zwar nicht geschafft, den Arbeitsspeicher "auszureizen", aber wenn man mit grossen Datenmengen arbeiten will, wie sie beispielsweise beim Schneiden von Videos anfallen, wäre mehr Arbeitsspeicher sicher nicht verkehrt. Die 2 GB wirken wie eine künstliche Beschneidung gegenüber dem iPad Pro 12.9 mit 4 GB.

Die Verbesserungen bei der Displaytechnologie und der Rechenkraft fordern auch ihren Tribut beim Stromverbrauch. Die Laufzeit des Akku des iPad Pro 9.7 ist nicht im gleichen Umfang verbessert worden. Hier wäre es mehr als nur wünschenswert, wenn Apple es schafft, dem iPad eine längere Laufzeit zu verschaffen. Gefühlt musste unser iPad Pro 9.7 einfach zu oft immer wieder aufgeladen werden. Eine weitere Verbesserung bei der Stromversorgung wäre eine Schnelladefunktion. Hier wäre es vielleicht besser gewesen, das Gehäuse zwei Milimeter dicker zu machen, dies hätte mehr Platz für den Akku geschaffen und es erlaubt, die Kamera auf der Rückseite nicht mehr hervorstehen zu lassen.

Der Apple Pencil ist softwaremässig sehr gut integriert – die Handhabung ist jedoch noch etwas holprig. Das Aufladen via Kabel und Adapter ist sehr umständlich. Zum Aufbewahren oder Versorgen fehlt am iPad eine magnetische Halterung, wie man es von anderen Herstellern kennt. Eine andere Möglichkeit wäre ein Einschub im Cover gewesen.

Die eSIM mag durchaus praktisch sein, hier sind aber noch viel zu wenig Mobilfunkanbieter mit dabei, um dem System zum Durchbruch zu verhelfen. Schweizer Anbieter fehlen noch komplett, als Schweizer Kunde stehen einem nur zwei internationale Anbieter (AlwaysOnline und GigSky) zur Verfügung, die völlig überrissene Preise für ihre Datenpakte verlangt.

Ein Tablet wie das iPad Pro 9.7 – und auch schon sein Vorgänger – bewegt sich technisch auf einem sehr hohen Niveau. Da ist es als Hersteller nicht einfach, immer wieder mit innovativen Neuerungen aufzuwarten. Ein gewisses Limit scheint hier erreicht. So ist es beim iPad Pro 9.7, mal abgesehen vom wirklich hervorragenden Display, die Kombination mit dem Apple Pencil, welche den grössten Schritt nach vorne ausmacht, weil sie neue Anwendungsmöglichkeiten eröffnet.