Netflix Detox

By Hitzestau - 18.03.2019

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Ein Leben ohne Netflix-Abo? Wir haben den Schritt gewagt und bis jetzt ist uns der “Entzug” sehr gut bekommen.

Zugegeben, etwas mulmig war uns schon. Vor rund einem Monat haben wir unser Netflix-Abo nicht mehr erneuert - und wir leben immer noch, und zwar nicht schlechter als vorher. Vor einem Jahr hätten wir uns diesen Schritt kaum vorstellen können. Wir gehörten seit dem Markteintritt von Netflix in der Schweiz Herbst 2014 zu den Abonnenten und waren dies bis auf einen kurzen Unterbruch auch immer gewesen.

Source: Netflix

Nicht einfach weiter bezahlen

Was hat sich nun konkret verändert? Wir hatten schon immer unsere Höhen und Tiefen gehabt, was unsere Netflix-Konsum anbelangte. Es gab Zeiten, in denen wir öfters Serien geschaut haben und dann auch wieder Monate, wo es kaum etwas im Katalog gab, was uns interessierte. Aber der Zugang gehörte sozusagen zu unserer Infrastruktur. Man wusste einfach, dass er immer verfügbar war, egal ob man es aktuell gerade brauchte oder nicht. Es gab immer wieder mal Momente, in denen man beispielsweise auf eine bestimmte Episode einer Serie - sofern sie denn auf Netflix verfügbar war - zugreifen wollte. Das war schon sehr praktisch, auch wenn ein Streamingdienst-Abo natürlich kein Ersatz für eine eigene Blu-ray-Sammlung oder eine digitale Filmbibliothek ist, da es immer wieder vorkommt, dass Serien und Filme nach einer gewissen Zeit aus dem Katalog entfernt werden. So ist beispielsweise Star Wars: The Clone Wars wieder aus dem Katalog verschwunden, oder bei Transformers: Prime wurde nach einer gewissen Zeit alles bis auf die erste Staffel wieder herausgenommen.

Aber schlussendlich schauen wir Netflix nicht um seiner selbst willen oder weil es gerade “in” ist, wie es etwa durch das Kunstwort “netflixen” ausgedrückt wird - sondern die Inhalte müssen stimmen. Klar, unser Medienkonsum wird schon seit Jahren nicht mehr vom linearen Fernsehen bestimmt. Die Schweizer Volksabstimmung über die Abschaffung der gesetzlichen Radio- und Fernsehgebühren (“NoBillag”) ist jetzt rund ein Jahr her. Das Anliegen war zwar an der Urne deutlich gescheitert, aber lineares Fernsehen hat für uns schon lange vorher seine Relevanz verloren gehabt.

Source: Netflix

Aber dafür braucht es gute Inhalte - und genau da liegt es bei Netflix schon länger im Argen. Trotzdem haben wir dem Anbieter bisher immer die Treue gehalten. Jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir diese “Infrastruktur” nicht einfach weiter bezahlen wollen. Dazu gibt es verschiedene Aspekte, denen wir im Folgenden etwas näher auf den Grund gehen wollen.

Gemischter Katalog als Stärke

Als wir Netflix kennenlernten, bot der Katalog bei uns in der Schweiz eine Mischung aus grossen Hollywood-Produktionen und Eigenproduktionen, die in Handlung und Figuren-Zeichnung eigenwillig und andersartig daherkamen. Das war auch genau das, was ihren Reiz ausmachte. Heute liegt der Schwerpunkt von Netflix eindeutig auf den eigenen Produktionen, bei populären Serien von US-Networks wie zum Beispiel Modern Family oder Supernatural werden keine neuen Staffeln mehr in den Katalog aufgenommen, so dass der Rückstand gegenüber der Fernseh-Ausstrahlung unterdessen mehrere Jahre beträgt. Auch bei der Zeichentrickserie Guardians of the Galaxy wurde nie mehr als die ersten 15 Episoden veröffentlicht. Unterdessen ist die Serie wieder aus dem Katalog verschwunden. Suits ist hingegen erst kürzlich mit mehrjähriger Verspätung wieder aktualisiert worden.

Gehen wir nun etwas näher auf die Eigenproduktionen von Netflix ein.

Fokus auf Eigenproduktionen

Hier trifft der Stil der Produktionen in letzter Zeit immer weniger unseren Geschmack. Stranger Things und Better Call Saul blieben bis zuletzt eine löbliche Ausnahme. Serien, die uns zu Anfang sehr gut gefallen hatten, entwickelten sich über die Zeit immer mehr zu einer Qual. Eine Zeit lang hielten wir ihnen die Stange, weil wir hofften es würde wieder besser oder es käme noch die grosse dramatische Wende, aber schlussendlich haben wir aufgehört, sie weiter zu verfolgen.

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Kate Mulgrew als Red in Orange Is the New Black.
Source: Netflix

Dazu gehörten unter anderem Orange Is the New Black, A Series of Unfortunate Events und die verschiedenen The Defenders-Serien mit ihren Marvel-Helden als Titelfiguren und Namensgeber. Die ersten beiden Staffeln von Daredevil, die zweite Staffel von Luke Cage und der Defenders-Ableger The Punisher überzeugten, der Rest war jedoch mehr Quäl-Fernsehen als gute Unterhaltung.

Dreharbeiten zu Stranger Things.
Source: Netflix

Bei 13 Reasons Why verhielt es sich ähnlich: die erste Staffel war gut gemacht, sie griff ein kontrovers diskutiertes Thema auf und pflegte eine sehr spezielle Erzählweise. Die zweite Staffel war dann eine einzige Enttäuschung: sie entpuppte sich als eine völlig unnötige Fortsetzung mit zum Teil wirklich haarsträubenden Handlungen. Die Macher getrauen sich nicht mehr, mit ihren Themen wie Mobbing oder Schulmassaker wirklich zum Punkt zu kommen. Wir haben die Serie trotzdem bis zum Ende weiterverfolgt, aber nur um die kontrovers geführten Diskussionen in Medienberichterstattung verstehen zu können.

Wagner Moura als Pablo Escobar in Narcos.
Source: Netflix

Narcos passt ebenfalls gut in dieses Schema: Die ersten beiden Staffeln mit der Figur von Drogen-Baron Pablo Escobar im Zentrum waren wirklich gut - und mit der dritten Staffel war dann für uns die Luft ziemlich abrupt draussen. Die Serie hätte als Mini-Serie sehr wahrscheinlich sehr gut funktioniert, aber als die Produzenten anfingen, die Geschichte um jeden Preis weiterzuziehen und auszupressen, war für uns ziemlich schnell Schluss.

Ohne Bedeutung und Sinn

Und auch Werke wie Polar mit Mads Mikkelsen, Annihilation mit Natalie Portman oder die neue Syfy-Serie Nightflyers vermochten uns überhaupt nicht mehr zu überzeugen. Ohne jetzt auf die einzelnen Produktionen näher eingehen zu wollen, lässt sich doch relativ einfach sagen, was sie gemeinsam haben: Sie sind nichts anderes als eine bedeutungslose und sinnfreie Aneinanderreihung von einzelnen Situationen, welche die Figuren durchleben. Und das ist eine Machart, die uns überhaupt nicht mehr zusagt. Hier ist uns ehrlich gesagt unsere Zeit zu schade, um sich auf diese Art “unterhalten” zu lassen.

Ein Algorithmus macht kein gutes Drama

Man kann es Netflix hoch anzurechnen, dass sie Serien-Konzepten, die im etablierten System der grossen Networks und Pay-TV-Anbietern vielleicht keine Chance gehabt hätten, eine Möglichkeit gegeben haben, sich zu beweisen. Und auch dass bei vielen Produktionen die englische Original-Tonspur zur Verfügung steht, gehört sicher zu den Pluspunkten. Aber das “glückliche Händchen” oder das “intuitive Bauchgefühl” für gute Unterhaltung scheint den Entscheidungsträgern abhanden gekommen zu sein. Es wurde abgelöst durch einen Algorithmus, der laufend das Seh-Verhalten der insgesamt weltweit 140 Millionen Abonnenten analysiert. Auf dieser Datenbasis werden den Zuschauern beim Stöbern im Katalog weitere Inhalte vorgeschlagen, die sie eventuell auch interessieren könnten.

Source: Shutterstock

Und er hat auch einen Einfluss auf die Planung von neuen Serien, Handlungsbögen und Entwicklungen von einzelnen Figuren. Wird in einem Drehbuch laut Prognose des Algorithmus eine bestimmte Wendung oder Entwicklung in der Handlung eine hohe Absprung-Rate bei den Zuschauern auslösen, wird die Geschichte entsprechend angepasst. Produzent Cary Fukunaga, den man unter anderem für die Serie True Detective kennt, hat dies ganz offen in einem Interview beschrieben.

Aber was passiert, wenn man den Abonnenten nur noch Vorschläge auf Basis einer künstlichen Intelligenz macht und die Entwicklung neuer Serien auf Prognosen des Zuschauer-Verhaltens stützt? Man setzt ihnen immer wieder etwas ähnliches vor, was ihnen schon bereits einmal gefallen hat. Kreativität oder der Mut zu etwas Neuem, mit dem man die Zuschauer überraschen und vor die Bildschirme locken kann, wird damit natürlich nicht gefördert. Im Gegenteil, Netflix will so das Risiko minimieren, in Flops zu investieren und würgt sich auf diese Weise jedoch selber genau die Eigenwilligkeit und Andersartigkeit seiner Produktionen ab, die vor Jahren mal zu den Stärken des Dienstes gehörten.

Weitere Gründe

Und auch abgesehen von der Qualität und Machart der einzelnen Serien gibt es weitere Aspekte, die uns beschäftigen: Netflix hat seit dem Markteintritt die Preise erhöht, ein UHD-Abo schlägt unterdessen monatlich mit satten 19.90 Schweizer Franken zu Buche. Dazu kommt der Zwang in den europäischen Ländern, eine bestimmte Menge an “lokalen Inhalten” in den jeweiligen Katalog aufzunehmen oder die Filmförderung des Landes finanziell unterstützen zu müssen. Auch die Bildqualität, die Netflix zum streamen anbietet, lässt je nach Serie manchmal sehr zu wünschen übrig. Deutlich haben wir das bei How I Met Your Mother gesehen, hier war die Bildqualität auf Amazon Prime besser als auf Netflix, wo das Bild pixeliger war.

Sozusagen die letzte Serie, die uns noch Woche für Woche zu Netflix zurückkehren liess, war Star Trek Discovery. Wir sind eigentliche grosse Star Trek-Fans, aber was dem Franchise mit der im Herbst 2017 gestarteten neuen Serie angetan wird, rief bei uns von Beginn an blankes Entsetzen hervor. So haben wir im vergangenen Frühling zur Erkenntnis gelangen müssen, dass es das Star Trek wie wir es kannten, nie mehr geben wird, wie wir damals in einem ausführlichen Beitrag dargelegt hatten. Und vor ein paar Wochen haben wir uns entgültig entschieden, die Serie nicht mehr weiterzuverfolgen.

Szene aus Star Trek: Discovery.
Source: Netflix

Star Trek Discovery wird in den USA auf dem Streaming-Dienst CBS All Access angeboten und die weltweite Vermarktung findet via Netflix statt. Da der CBS-eigene Streaming-Dienst nur über sehr wenig Abonnenten verfügt, stammt ein Grossteil des Budgets für Discovery aus der Kasse von Netflix. Klar wird sich durch unsere Kündigung daran nichts ändern, aber wenn man so will, kann man unsere Kündigung auch als “Protest” verstehen, dass wir nicht mehr länger bereit sind, dieses wöchentliche Potpourri von Absurditäten mitzufinanzieren. Und kommt noch dazu, dass die Serie erst kürzlich um eine dritte Staffel verlängert wurde.

Unterhaltung aus anderen Quellen

Was sicher auch eine Rolle spielt ist, dass wir in letzter Zeit auch vermehrt auf andere Quellen für Serien setzen. Denn wenn man sich wie wir mal durch den Katalog von Netflix “durchgearbeitet” und alles gesehen hat, was einen interessiert, merkt man, dass wenig Neues nachkommt. Auch das erneute Schauen von persönlichen Sitcom-Favoriten wie How I Met Your Mother oder Full House hat man irgendwann abgeschlossen. Und bei den Produktionen, die neu in den Katalog aufgenommen werden, handelt es sich zum allergrössten Teil um Eigenproduktionen, die wir weiter oben ausführlich besprochen haben.

Zu unseren neuen Quellen für Serien gehören beispielsweise Amazon Prime und YouTube Premium: Die Science-Fiction-Serie Origin, sehr wahrscheinlich mit einem Bruchteil des Budgets von Star Trek Discovery finanziert, hat uns um Längen besser unterhalten. Dasselbe gilt auch für Wayne, die mit einem eigenwilligen Stil daherkommt, der sicher nicht mit einem Algorithmus glatt geschliffen wurde. Sie zeichnet ein irritierendes und mit den expliziten Gewaltszenen auch ein sehr verstörendes Bild von Amerika, wie man es sonst nur selten sieht.

Bisherige Bilanz

Somit verlief unser bewusster Verzicht auf Netflix bis jetzt ohne negative Entzugserscheinungen, denn unsere zunehmend kritische Haltung hatte sich schon über mehrere Monate hinweg aufgebaut ohne dass wir aber den effektiven Schritt zur Kündigung gemacht hatten.

Source: Netflix

Bisher haben wir nicht das Gefühl, wirklich etwas zu vermissen. Und es kann gut sein, dass unsere Netflix-Abstinenz noch eine rechte Zeit andauern wird, denn mit einem Einheitsbrei aus am digitalen Reisbrett durchkalkulierten Serien oder selber produzierten Filmen mit sinn-befreiter Handlung wird Netflix uns kaum als zahlende Abonnenten zurückgewinnen. Etwas mehr Bauchgefühl und weniger “Big Data” würde Netflix unseres Erachtens gut tun - also wieder mehr Risiko bei der Entwicklung neuer Produktionen.

Da im Gegensatz zum öffentlich-rechtlichen oder “Service Public”-Fernsehen die Einnahmen nicht gesetzlich garantiert sind, muss Netflix sich gut überlegen, wie man in Zukunft den wachsenden Konkurrenz-Angeboten gegenübertreten will. Es braucht dringend neue Zugpferde, denn bisherige Top-Serien wie House of Cards und Orange Is the New Black wurden vergangenen Herbst eingestellt oder gehen diesen Sommer zu Ende. Blickt man über den Schweizer Tellerrand hinaus in die USA, sieht man dass dort im Streaming-Markt viel mehr Anbieter um das Geld der Zuschauer buhlen als bei uns. Mit Disney+ steht zudem ein weiterer Konkurrent in den Startlöchern, der mit Marken wie Marvel Comics und Star Wars oder den Pixar-Filmen über viele attraktive Inhalte verfügt. Und selbst Apple wird demnächst in den Markt einsteigen.

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