Apple entlässt das 'Beast' in die Freiheit

By Hitzestau - 18.12.2019

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Glückwunsch an Apple! Der lang erwartete neue Mac Pro wurde von der Leine gelassen. Zusammen mit dem passenden Pro Display XDR ist er nun endlich im Handel erhältlich und online zum Bestellen freigegeben.

Auch wenn wir bisher selber keinen in freier Wildbahn gesichtet haben, eines ist klar: Die Maschine, die Apple da anbietet, ist ein "Beast" - in der Leistung wie im Preis.

Source: Apple

Der Tower startet in der Basis-Konfiguration bei 6399 Schweizer Franken. Das ist kein "Pappenstiel" für einen Computer. Mit ein paar Aufrüstungen im Online-Store durchbricht man schnell die 20’000 Franken-Grenze und selbst dann hat man aber noch lange nicht alle Optionen ausgereizt.

Mit dem Update - wobei das Wort eigentlich nicht korrekt ist, denn der Mac Pro ist ein komplett neu entwickelter Computer - hat Apple sich sehr lange Zeit gelassen. Dafür hat das Unternehmen auch viel Kritik eingesteckt, schliesslich entwickeln sich Computer-Hardware und die Anforderungen der Benutzer stetig weiter. Aber mal ehrlich, sechs Jahre sind auch eine lange Zeit, denn der letzte Mac Pro wurde im Jahre 2013 lanciert.

Source: Apple

Auch damals mussten potentielle Kunden lange warten auf ihn warten, denn sein Vorgänger war rund sechs Jahre im Handel gewesen, bevor er abgelöst wurde.

Aber mal der Reihe nach - vergessen wir für einen Moment was das "Beast" kostet, schauen wir uns einfach mal an, was man von Apple geboten bekommt. Und das ist nicht gerade wenig. Wie bei den vorangegangenen Mac Pro-Generationen, ist Apple dem Konzept von getrenntem Display und Tower treu geblieben.

Der Tower

Beim Design des Towers knüpft Apple an einen der Vorgänger an und zwar den bereits erwähnten Mac Pro aus dem Jahre 2006. Dieser wurde wegen der Oberflächenstruktur seines Gehäuses unter dem Spitznamen "cheese grater" - zu deutsch "Käsereibe" - bekannt.

Und was für ein Tower das ist! In der Grundausstattung wiegt er 18 kg, die Abmessungen liegen bei rund 53 cm in der Höhe und 45 cm in die Tiefe, die Breite beträgt knapp 22 cm.

Source: Apple
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Im Gehäuse hat Apple die verschiedensten Ansprüche und Anforderungen vereint: Es ist als modulares System ausgelegt, welches den Betrieb von leistungsstarker Hardware erlaubt und Raum lässt für individuelle Konfigurationen und Erweiterungen. Die Handhabung ist überraschend einfach, wenn man das Gehäuse öffnen will, man benötigt keinerlei Werkzeuge.

Source: Apple

Und das sollte man auch unbedingt tun, denn der Mac Pro ist kein iMac mit einem extravaganten Gehäuse, sondern eine ausgewachsene Workstation! Wem der Begriff nicht geläufig ist, findet im Kapitel "Für den Pro" eine ausführliche Erklärung. Auf dem Mainboard des Mac Pro arbeitet ein Intel Xeon-Prozessor - je nach Konfiguration mit bis zu 28 Kernen. Er stammt aus der Xeon-W Cascade Lake-Familie. Der Arbeitsspeicher kann bis zu 1,5 TB aufgerüstet werden. Die Grafikkarte fällt mit einer Radeon Pro 580X zugegebenermassen etwas gar schmalbrüstig aus, kann aber durch eine oder mehrere Radeon Pro Vega II ersetzt werden.

Für Erweiterungen setzt der Mac Pro grundsätzlich auf PCIe-Slots und verfügt über zwei so genannte "Mac Pro Expansion"-Steckplätze (MPX-Module) welche zusätzliche Stromversorgung und Thunderbolt 3-Anbindung liefern. Auf diesem Wege kann der Mac Pro mit zwei Radeon Pro Vega II Duo ausgerüstet werden - also ingesamt vier Grafikeinheiten.

Zur weiteren optionalen Ausstattung für den Mac Pro gehört eine Beschleunigerkarte, welche für den Workflow von Video-Produktionen essentiell ist. Sie ist sogar wichtiger als eine grössere oder zusätzliche Grafikkarte, weil sie bei der Videobearbeitung die Haupt-Rechenlast trägt. Die "Afterburner"-Karte, welche eigens von Apple entwickelt wurde und exklusiv für den Mac Pro erhältlich ist, beschleunigt ProRes und ProRes RAW Codecs in Apple-eigenen Anwendungen wie Final Cut Pro X, Motion, Compressor und QuickTime Player X. Sie unterstützt die Wiedergabe von bis zu sechs 8K ProRes RAW Streams oder 23 4K ProRes RAW Streams. Damit macht sie den so genannten "Proxy Workflow", bei dem mit in der Auflösung reduziertem Material gearbeitet wurde, überflüssig. Für Software-Lösungen anderer Hersteller stehen die Ressourcen der Karte ebenfalls offen. Wir haben am Ende dieses Artikels ein paar Videos eingebunden, in einem davon wird speziell auf die Afterburner-Karte eingegangen.

Xeon-Prozessoren, MPX-Module und Afterburner-Karte… man hat den Eindruck, dass beim Mac Pro ein Superlativ den nächsten jagt. Die genauen technischen Spezifikationen und die verschiedenen Konfigurations-Möglichkeiten findet Ihr wie gewohnt auf der Webseite von Apple.

Damit alle diese Hardware auch ungestört ihre Leistung entfalten kann, braucht es eine leistungsstarke Kühlung. Hierbei unterscheidet sich das Konzept der Mac Pro deutlich von anderen Produkte-Linien von Apple. Oft steht im Vordergrund, dass das Gehäuse nochmals einen Millimeter dünner geworden ist gegenüber dem Vorgängermodell, auch wenn dies auf Kosten der Wärmeabfuhr und somit der Leistung geht. Beim Mac Pro ist es genau anders herum: die Kühlung ist so konzipiert, dass die Hardware genug "Raum zum Atmen" hat und ihre Leistung bringen kann.

Dazu sind an der Front drei Lüfter angebracht, bei denen die Lamellen nicht regelmässig angeordnet sind, wie es sonst üblich ist. Sie sind so angeordnet, dass ein breites Frequenzspektrum erzeugt wird, welches die Geräuschentwicklung insgesamt positiv beeinflusst, so dass der Mac Pro nie eine übermässige Geräuschkulisse erzeugt.

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Aber auch die markanten Öffnungen an der Vorder- und an der Rückseite sind Teil des Kühlkonzepts. Durch die Öffnungen wird wird die Oberfläche erheblich vergrössert und kann so die aufgenommene Wärme besser und schneller an die hindurchströmende Luft abgeben. Dasselbe Prinzip kommt auch auf der Rückseite des Pro Display XDR zur Anwendung.

Source: Apple
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Die Grafikkarten besitzen keinen eigenen Lüfter, sondern werden nur von der Luft gekühlt, welche durch das Gehäuse strömt. Dementsprechend voluminös sind auch die Lamellen des Kühlkörpers, wie man auf dem Bild unten gut sieht: Die Radeon Pro Vega II Duo ist vier Höheneinheiten (4 PCI-Blenden auf der Rückseite) dick. Die farbliche Hinterlegung zeigt, wie niedrig die eigentliche Karte mit Platine und Anschlüssen ist (rot: Platine / blau: Lamellen).

Source: Apple
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Für das Konzept, dass gewisse Komponenten im Gehäuse einfach und ohne Spezialwerkzeuge zugänglich sind und auch nach dem Kauf nachgerüstet oder ausgetauscht werden können, hat der Mac Pro von iFixit viel Lob bekommen: "unglaublich gut durchdacht zusammengebaut, und in der Meisterklasse der Reparierbarkeit". Er bekommt neun von zehn möglichen Punkten im so genannten "Reparierbarkeits-Index". Einzig die SSD lässt sich nicht so einfach austauschen, weil sie an den T2-Chip gekoppelt ist.

Das Display

Ein "Beast" von Rechner verlangt nach einem entsprechenden Bildschirm. Mit dem Pro Display XDR hat Apple dem Mac Pro einen ebenbürtigen Gefährten zur Seite gestellt.

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Es handelt sich um ein Display mit einer Auflösung von 6016 x 3384 Pixeln und einer Diagonale von 32 Zoll (218 ppi). Dies entspricht fast 40 Prozent mehr Bildschirmfläche als bei den 5K-Displays der Vorgeneration, welche in Zusammenarbeit mit LG entwickelt worden waren, oder beim aktuellen iMac Pro. Von vorne betrachtet macht der Bildschirm eine sehr schlanke Figur. Der Rand ist an allen vier Seiten nur 9 Millimeter dünn, was ihn für ein Multi-Monitor-Setup prädestiniert. Auf den Einbau einer iSight-Kamera hat Apple verzichtet.

P3-Farbraum, 10 Bit Farbtiefe mit über einer Milliarde Farben und verschiedene Referenzmodi für die Farbwiedergabe gehören ebenfalls zu seinen technischen Spezifikationen.

Was die Helligkeit anbelangt, sollte man sehr wahrscheinlich eine Sonnenbrille bereithalten. Hier setzt das Pro Display XDR neue Massstäbe. Es verfügt über eine Grund-Helligkeit von 1000 Nits und kann diese bis auf 1600 Nits steigern. Damit Ihr Euch etwas darunter vorstellen könnt: Der aktuelle 16 Zoll-MacBook Pro schafft 600 Nits, das Display des iMac Pro erreicht 500 Nits. Selbstverständlich unterstützt das Display die gängigen HDR-Standards, wobei Apple - angesichts der extrem hohen maximalen Helligkeit - von XDR (Extreme Dynamic Range) spricht.

Beim Deckglas bietet Apple zwei verschiedene Optionen an: Neben der Variante mit einem re­flexi­onsarmen Standardglas gibt es das Display auch mit einer speziellen Nanotextur, bei der das Glas im Nanometerbereich geätzt wird um so noch weniger Reflexionen und Blendungen zu erreichen. Dies ist allerdings heikler in der Reinigung und Pflege. Ein spezieller Blendschutz, um den Einfall von Streulicht von der Seite zu verhindern, gehört allerdings nicht zum Zubehör.

Aber egal für welche Deckglas-Version man sich entscheidet, so viel Leuchtkraft verlangt natürlich auch eine gute Kühlung. Um diese sicherzustellen, verfügt das Aluminiumgehäuse auf der Rückseite über das dasselbe Gittermuster mit Öffnungen wie das Mac Pro-Gehäuse.

Source: Apple

Um dem Kunden bei der Wahl der Montage die freie Wahl zu lassen, verkauft Apple das Pro Display XDR ohne Standfuss. Mittels einem VESA-Adapter kann es an eine beliebige Halterung - zum Beispiel für Schwenkarme - angeschlossen werden. Beim separat erhältlichen Ständer von Apple lassen sich Höhe und Neigungswinkel verstellen und man kann das Display in den Hochformat-Modus drehen.

Source: Apple

Die Montage ist auch hier Apple-typisch sehr einfach: Bildschirm und die Halterung des Ständers verbinden sich magnetisch und rasten automatisch ein, um einen sicheren Halt zu gewährleisten.

Tastatur und Trackpad

Aber auch das "kleine Zubehör" wie Tastatur, Trackpad und Maus sind speziell: Sowohl die beiliegende Magic Mouse als auch das Magic Keyboard und das Magic Trackpad sind in der silber-schwarzen Farbvariante exklusiv zusammen mit dem Mac Pro erhältlich.

Für den Pro

Vom "Beast" haben wir bis jetzt die Ausstattung angeschaut. In diesem Kapitel geht es nun darum, wer es den überhaupt "zähmen", also wer als Anwender die brachiale Leistung, die im Mac Pro steckt, überhaupt nutzen kann. Selten war die Bezeichnung "Pro" im Produktenamen so gerechtfertigt wie bei diesem Gerät. Wir haben in Reviews zu anderen Geräten schon mehrfach über den Sinn der Bezeichnung "Pro" philosophiert - hier gibt es absolut nichts daran auszusetzen. Denn um etwas zu surfen und Fotos anzuschauen, bezahlt wohl niemand die hohen Anschaffungs-Kosten, die wir schon im Einstieg zu diesem Artikel angesprochen hatten.

Damit sind wir bei der Frage, welche Zielgruppe von Anwendern Apple mit dem Mac Pro ansprechen will. Um dies zu verstehen, muss man sich nochmals in Erinnerung rufen, dass es sich beim Mac Pro explizit um eine Workstation handelt.

Schauen wir uns als Einschub mal kurz an, was man genau unter einer "Workstation" versteht. Grundsätzlich arbeiten kann man vielen Typen von Computern - auch dieser Text wurde auf einem "normalen" Apple iMac geschrieben. Laut Wikipedia ist eine Workstation ein "besonders leistungsfähiger Arbeitsplatzrechner für technisch-wissenschaftliche Zwecke oder für die Bearbeitung von Audio- und Videodaten, in Abgrenzung zum handelsüblichen Personal Computer für den Privat- oder Bürogebrauch." Sie werden gezielt für rechenintensive Anwendungen eingesetzt, deshalb wird auch bewusst andere Hardware verbaut als in einem PC. Workstation-Hardware ist nicht nur leistungsfähiger, sie ist auch langlebiger und besser gegen Ausfälle abgesichert.

Und abgesehen davon, dass die Anzahl potentieller Käufer viel kleiner ist als bei einem durchschnittlichen Personal Computer, erklären sich daraus auch die höheren Kosten: In einer Workstation, und damit auch im Mac Pro, werden Prozessoren der Xeon-Architektur verbaut, die auch in Servern eingesetzt wird. Die Arbeitsspeichermodule erfüllen die ECC-Kriterien und können auftretende Fehler im Speicher korrigieren, was die Ausfallsicherheit des gesamten Systems erhöht. Und auch die schiere Zahl der Arbeitsspeicher-Steckplätze auf dem Mainboard ist beeindruckend: 12 Module ermöglichen bis zu 1,5 TB Speicher, also mehr als die SSD eines durchschnittlichen Computers hergibt.

Ebenfalls zu den "Pro-Kriterien" gehören die Möglichkeit, das Gerät auf individuelle Anforderungen anzupassen oder Hardware-Komponenten nach dem Kauf auf- oder nachrüsten zu können. Auch die Tatsache, dass der Pro Display XDR-Bildschirm ohne Standfuss verkauft wird, fällt in diese Kategorie: So kann jeder seinen Arbeitsplatz so einrichten, wie es ihm am passt oder wie es die Gegebenheiten erfordern.

Source: Apple

Die Konkurrenz zum Mac Pro ist nicht der Apple iMac Pro oder ein MacBook der Pro-Linie, sondern Workstations von Herstellern wie HP und Dell. Und diese liegen in einem ähnlichen Preissegment oder gehen sogar noch darüber hinaus. Diese arbeiten dann allerdings nicht mit macOS als Betriebssystem und somit stehen Anwendungen wie Final Cut Pro X oder Logic Pro nicht zur Verfügung.

Um die Frage vom Anfang dieses Kapitels nochmals aufzugreifen: Zur Zielgruppe des Mac Pro gehören "Professionals", welche in den Bereichen Audio- und Videoproduktion bezahlte Aufträge umsetzen oder generell gesagt mit der Produktion solcher Inhalte ihren Lebensunterhalt verdienen. Und genau dafür brauchen sie Werkzeuge, welche die oben genannten Profi-Anforderungen erfüllen. Somit gehört aus unserer Sicht plumpe Kritik am Preis oder Sprüche wie "mit einem AMD Ryzen Threadripper baue ich dir eine günstigere und ähnlich leistungsstarke Maschine" eher in den Bereich der Online-Trolle.

Source: Apple

Der Mac Pro als "Beast" kann am besten zeigen was in ihm steckt, wenn er im gesamten Workflow zur Produktion von Audio- und Videoinhalten eingesetzt wird. Das kann Arbeiten mit Software wie Avid Media Composer oder Pro Tools, Final Cut Pro X mit Compressor, Logic Pro X, DaVinci Resolve und generell mit Pro Res Video-Codecs beinhalten. In der Praxis kann dies das Abspielen und Abmischen hunderter virtueller Instrumente, die Animation von 3D-Umgebungen und -Filmen oder das Zusammensetzen einer Videosequenz aus mehreren Bildquellen mit einer 8K-Auflösung bedeuten. Das "Beast" wird die Art und Weise, wie Profis mit diesen Medien umgehen und arbeiten, auf jeden Fall verändern.

Die Liste liesse sich noch beliebig weiter fortsetzen. Darum wollen wir als Abschluss zu diesem Artikel ein paar "Pros" zu Wort kommen lassen, die den Mac Pro schon vor dem offiziellen Verkaufsstart in ihrem Arbeitsalltag testen konnten.

In diesem Video zeigt Jonathan Morrison, wie er und ein Team von Audio-Spezialisten in ihrem Tonstudio mit dem Mac Pro arbeiten.

Im zweiten Video von Jonathan Morrison geht er speziell auf die Bedeutung der Afterburner-Karte ein und zeigt, wie sie die Schwerarbeitet bei der Videobearbeitung leistet. Für seinen Test hat er sogar eine der beiden Grafikkarten aus seinem Mac Pro herausgenommen.

Im folgenden Video von iJustine zeigt sie, wie schon das Unboxing des Mac Pro und des Pro Display XDR ein Erlebnis für sich ist. In ihrem Video sieht man auch, wie einfach sich das Display an den Standfuss montieren lässt.